Der Horizont oder da, wo die eigene Welt aufhört

Einen Abend mit einem besonderen Menschen verbringen kann einen die Welt wieder mit anderen Augen sehen lassen. Während ich eher sportlich unterwegs bin, um mit ihm Schritt oder wohl eher Rad zu halten, hat Matthias neben mir ein gemütliches Lachen auf den Lippen und plaudert munter weiter, ohne wie ich, beständig nach Luft zu schnappen. Der Unterschied von ihm zu mir, er sitzt im Rollstuhl. Nicht irgendein Rollstuhl, nein, ein per Joystick gesteuertes Modell. Matthias ist Tetraplegiker, das heisst, die Querschnittlähmung betrifft nicht nur die Beine, sondern auch die Arme. Seit fünfzehn Jahren schon ist er an den Rollstuhl gebunden, seit einem kleinen Augenblick mit fünfundzwanzig, ein kleiner Moment, welcher das ganze Leben auf den Kopf gestellt hat. Ein kleiner Augenblick, welcher alle Träume mit einem Schlag zertrümmert hat, welcher gezwungen hat, die Welt mit anderen Augen sehen zu lernen. Meine Perspektive auf dieses Leben ist auch nach einem Abend nur ein Bruchteil von dem, was er tagtäglich durchlebt oder was er schon durchgemacht hat.

Wir gehen Essen.  Der erste warme Frühlingstag. Während es im Tessin runter schüttet, was es schütten kann, schein hier im Norden mal die Sonne. Es ist angenehm warm und das Volk ist auf der Strasse, jeder auffindbare Stuhl draussen ist besetzt. Gartenterrasse oder gleich drinnen? Es ist zwar warm, doch es hat auch einige Wolken. Und der Abend schreitet voran. Einfach mal hinsitzen und dann bei Bedarf zügeln, ist nicht so einfach, wenn man zwar mobil, dies aber nur mit Elektrostuhl ist. Ausserdem, wird ihm kalt, dann wärmt er sich nicht so schnell wieder auf. Die Entscheidung ist gefällt, wir suchen uns was für drinnen. Die grosse Anzahl Restaurants in einer Stadt verkleinert sich urplötzlich – schmale Türen, ein kleiner Absatz, unpassierbar. Wir finden doch noch ein Restaurant, welches uns aufnehmen will. Der runde Tisch neben der Türe. Obwohl nicht die Haupttüre, der Rollstuhl schränkt den Durchgang für das Personal ein und behindert auch die Kassenbedienung. Das Personal äusserst professionell, lässt sich nichts anmerken. Die Gäste hingegen eher weniger professionell. Wir werden gemustert.

Das Trinken mit Strohhalm an einem normal hohen Tisch ist kein Problem. Das Nachfüllen des Glases schon, denn, dazu brauch man Hände, welche die Flasche über das Glas heben können. Und dies geht eben nicht, wenn man so wie Matthias das Rückenmark in den Halswirbeln geschädigt hat.  Und so ist auch das Essen nicht bewerkstelligbar, weil die Gabel niemals die Höhe des Mundes erreichen kann. Ich merke, an meiner Ungeschicktheit, dass ich keine Kinder habe. Nicht nur die Grösse der Portionen auf der Gabel sind irgendwie schwer einschätzbar, wenn sie nicht für den eigenen Mund gedacht sind, auch sie dann zum Mund hinführen ist gar nicht so einfach. Und aufspiessen mit der Gabel will ich meinen Freund ja auch nicht. Doch, ich gebe mir Mühe und lerne, mein Teller ist dabei zweitrangig. Wenn man selber vielleicht manchmal seine Mahlzeiten etwas teilnahmelos herunter schlingt, essen ist für einen Menschen wie ihn nicht eine Selbstverständlichkeit. Es ist nicht nur eine Lebensnotwendigkeit oder sogar ein Vergnügen, es kann auch Abhängigkeit bedeuten.

Nach dem Nachtessen wechseln wir in eine Bar mit Konzert. Herzlich werden wir vom Barbesitzer empfangen. Etwas weniger herzlich ist der Durchzug dort drin. Beim Versuch ihm die gewünschte Kappe anzuziehen, merke ich, wie schwierig dies ist, wenn man diese an einem anderen Menschen anziehen sollte und nicht einfach sich selber über den Kopf stülpt. Geschweige denn, wie schwierig es ist, dass er das Gefühl hat, sie sitze nun richtig. Wir geniessen die Musik und ich seinen sarkastischen Humor und die guten Gespräche. Leider gehen aber auch gemütliche Abende mal einem Ende zu. Mittlerweile ist es dunkel geworden und auch einiges kühler. Sicher angebracht, die Jacke aus seiner Tasche hervor zu holen und anzuziehen. Ich kriege konkrete Anweisungen und lerne, dass es einen kleinen Trick gibt, mit einer Antihafthandstütze doch problemlos in einen Mantelärmel zu schlüpfen. In den ersten Ärmel geschloffen, muss ich den Brustgurt öffnen. Er lehnt vorüber und ich kann ihm die Jacke hinter dem Rücken zurecht ziehen, bis sie ohne Rümpfe sitzt. Nachdem alles gemacht ist, melde ich mich mit einem „gut“ und warte instinktiv, dass er sich wieder in seinem Stuhl zurück lehnt, damit ich ihm den Gurt wieder zumachen kann. Es dauert ein paar Sekunden bis mir klar wird, dass er das nicht machen wird. Nicht, weil er nicht möchte, sondern, weil er dies schlicht und einfach nicht kann. Nach diesem ganzen Anziehprozedere verstehe ich auch etwas besser, wieso er lieber Sommer hat. Da braucht man keine Jacke mitzunehmen, welche dann jemand anziehen muss! Im Winter hingegen sind die Jacke, Kappe sowie die Handschuhe unbedingt nötig, um sich draussen zu bewegen, welche aber dann während der Fahrt im geheizten Zug nicht einfach abgelegt werden können.

Nach ein paar Stunden zusammen wird mir wieder mal ganz klar, wieviel Freiheiten mein Leben beinhaltet – ich kann selber entscheiden, in welchem Rhythmus ich meinen Teller leer esse und was und wieviel ich mir auf meine Gabel lade. Dabei werde ich auch nicht beständig angestarrt. Ist mir kalt, so ziehe ich mir schnell etwas über oder bewege mich. Will ich von A nach B, so tue ich es ohne grosse Überlegungen oder Organisation. Und mir wird dabei auch bewusst, wie unendlich schön es ist, eine Privatsphäre zu haben und unabhängig leben zu dürfen! Und wie wunderbar es ist, wenn man Träume haben kann, welche zu realisieren möglich sind!

Die kleinen Dinge des Lebens

Einkaufen gehört definitiv nicht in die Kategorie Lieblingsbeschäftigungen von mir. Die überall im Weg stehenden Einkaufswagen, dann Kinder am herumfingern im Gemüse, noch schlimmer die Erwachsenen, welche jede Tomate per Fingerdruck testen müssen. Dann verloren aussehende Männer, irgendwo zwischen einem Gestell ausgesetzt, während die Frau drei Reihen weiter ein munteres Schwätzchen mit der Nachbarin hält. Und immer dann, wenn man es besonders eilig hat, kommt man kaum voran oder findet die Produkte nicht.

Doch, wenn mich die Migrosverchäuferin an der Kasse dann freundlich anlächelt in einer Art und Weise, welche mir zeigt, wir kennen uns, dann wird mir einfach warm ums Herz! Sie weiss auch, dass auch wenn ich noch das Rollband am Beladen bin oder durch den Vorkäufer noch keinen Zugang zu der schon abgescannten Ware habe, dass ich diese gerne gleich nach dem Preisetikettencheck in meinen Papiersack packe. Auch wenn ich dann diese Papiertasche oft auch noch zuerst aus meiner umgehängten Plachentasche hervor holen muss. So lässt sie den Blumenkohl wie selbstverständlicher nicht das Rollband herunter rollen, sondern hält diese mit einer Hand zurück und scannt mit der anderen Hand munter weiter. Dies mit einem Lächeln auf den Lippen und so lange, bis ich bereit bin die ganze Ware in Empfang zu nehmen.

Wenn es dann ums Zahlen geht, fragt sie routinemässig nach der Cumuluskarte, welche bei mir ein Kleber auf der Postcardhülle ist. Diese muss ich mühsam aus meinem zu engen Portemonnaiefach grübeln, wobei mir sicher noch die Kartensammlung aus dem Hauptfach auf den Boden fällt, was ihrem Lächeln keinen Schaden nimmt und auch nicht an ihrer Geduld zerrt. Schlussendlich wünscht sie mir dann noch herzhaft einen guten Tag und ich verlasse das Geschäft mit dem Gedanken, dass Einkaufen eigentlich doch nicht so schlimm ist. Und, ein wenig freue ich mich schon auf das nächste Mal, wenn ich wieder von meiner Kassiererin bedient werde, mit dem lieben Lächeln auf den Lippen und ihrer Engelsgeduld!

Wenn der Tessiner Frühling bläst

Eigentlich bin ich ein Mensch, der höchst selten an Kopfschmerzen leidet. Seit ich jedoch in die Tessiner Hauptstadt gezogen bin, kenn ich dieses Leiden etwas besser. Wenn mir der Kopf auf unerklärlicherweise wieder anfängt zu schmerzen, dann weiss ich, er ist wieder da, il vento. Und dies auch, wenn ich einen ganzen Tag hinter geschlossenen Dachfenstern an der Arbeit sitze und sein Wirken weder sehen noch physisch spüren kann. In diesem Moment wird mir dann aber auch bewusst, es ist wieder Frühling. Denn, hier verraten nicht nur die Knospen an den Bäumen, die vielen schönen Blumen in den Gärten und das frischerwachte Vogelgezwitscher den Frühling, sondern eben auch der Wind. Obwohl, eigentlich ist es ja immer etwas windig hier bedingt durch all die Täler, welche rund um Bellinzona enden. Und konstant ein Lüftchen kann sogar sehr angenehm sein im Sommer, wenn das Quecksilber im Thermometer nur noch am in die Höhe steigen ist. In den Frühjahrsmonaten ist es aber zeitweise schon eher sturmartig hier, so stürmisch, dass es auch dem Kopf ganz sturm werden kann.

Verreisen ist schön, zurückkommen umso schöner!

Ferien, eine Art Zauberwort! Wochenlang kann man sich ob ihm erfreuen. Erwartet mit Spannung den Tag, an dem es dann wirklich losgeht. Die letzte Woche davor scheint man bei der Arbeit plötzlich total ausgelaugt und ausgepowert zu sein, weil der Kopf weiss, dass es bald die Zeit ist, die zum Erholen gedacht ist. Und, Erholung hat die grösste Wirkung dort, wo Erholung nötig ist. Die Zeit scheint kaum zu vergehen bis die Ferien endlich anfangen und doch wird sie dann immer knapper und die Liste der Dinge, welche unbedingt zu erledigen sind scheinbar immer länger. Vom Geldwechsel zum Hütedienst der Pflanzen, putzen der Wohnung, Post umleiten.

Das Kofferpacken ist auch so ein ewig dauerndes Mühsal auf diesem Weg. Bis man sich entschieden hat, welche Schuhe, wieviel Paar Hosen einzupacken sind, oder auch schon nur welche Jacke nun wohl angemessen sein wird. Und zu guter Letzt packt man mehrmals wieder aus, um sich zu vergewissern, ob der Steckeradapter wirklich mit dabei ist, der Gurt eingepackt und auch das Pyjama nicht fehlt. All diese Vorbereitungen und Vorfreude gemischt mit Neugier und doch auch einer Portion Nervosität vor dem Unbekannten, das da wartet. Den Reiseführer mehr oder weniger studiert und doch kann man nicht wissen, wie es dann tatsächlich so ist, dort, wo die Reise hinführt.

Endlich ist er da, der Moment! Auf geht’s ins Unbekannte! Schon wenige Kilometer weg von zu Hause erwarten uns neue Landschaftsbilder. Begegnen uns andere Menschen und mit ihnen faszinierende Kulturen und Traditionen. Können ungewohnte Mentalitäten, fremde Sprachen, interessante Geschichten und andere Lebensweisen uns in den Bann ziehen. Vieles ist ungewohnt, anders, neu und es gibt so manches zu entdecken! All dies lässt die Ferien zu einem Erlebnis werden! Die Zeit vergeht wie im Fluge. Meist fehlt die Zeit um all die Eindrücke wirklich zu verarbeiten. In den meisten Fällen sind sie dann auch viel zu schnell schon wieder vorbei, die Ferien. Die letzten Tage trauert man deren Ende entgegen und die Vorfreude auf den Alltag ist nicht überdimensional gross.

Und doch, gelandet zu Hause überkommt einen ein Gefühl von Heimat. Es fängt an bei der Passkontrolle am Flughafenausgang, wo man mit einem so wohlklingenden Grüetzi begrüsst wird. Ohne sich zu bemühen versteht man auch die Durchsage im pünktlich eingetroffenen Zug. Das Brot und das Chnörzli dazu schmecken zu Hause einfach am Besten! Auch wenn man nach ein paar Wochen weg schon fast ein bisschen schmunzeln muss, wenn man diese einkaufen geht und von einer waschechten Bernerin bedient wird. Das mit der Langsamkeit hat schon so etwas an sich! Sogar den Radiosprecher könnte man plötzlich umarmen ob all dem Gefühl von Zuhause sein, welcher die bekannte Stimme auslöst. Und selbst der Nachbarin mit den Waschküchenproblemen begegnet man gerne, ein bekanntes Gesicht und nicht nur lauter Anonymität. Mit neuer Freude wird der Arbeitsweg unter die Füsse genommen und mit Neugierde entdeckt, was sich verändert hat. Die Blätter an den Bäumen am Spriessen, ein frischer Strassenbelag oder ein neu geöffneter Laden. Gelassen fängt man an der Arbeit an, von Stress keine Spur und man freut sich, dass Du wieder zurück bist. Auch beim Sport am Abend merkt man, wie man im Grunde genommen all die bekannten Gesichter vermisst hat, wie schön es ist, seinem gewohnten Lebensrhythmus zu folgen. Das Bekannte, die Routine geben ein Gefühl von Geborgenheit und Wohlbefinden. Zurückkommen in den vertrauten Alltag ist halt doch auch etwas wunderbares!

Ein Besuch in der Dimitrischule

Manchmal, da stell ich mir vor, die Dimitrischule sei umgezogen, von Verscio nach Bellinzona nämlich. Und in diesen Gedanken, tauche ich ab in die Welt der Clowns. Da gibt es zum Beispiel den Clown, der Dich mit einem lieben Gesicht anschaut, immer Zeit findet, Dir zuzuhören, freundlich Antwort gibt oder auch mal seine Hilfe anbietet. Er hat so seine Probleme, zeigt diese aber nicht, geht seinen Weg, ohne sich von der Gruppendynamik beeinflussen zu lassen und ist dennoch kein Egoist. Eine Art lieber Ruhepolclown. Ein ziemliches Gegenteil davon ist der Querulantenclown. Alles tanzt nach meiner Nase, auch wenn diese rot ist. Stimmt die Realität nicht mit seinem Weltbild überein, scheut er keine Mittel und sorgt für Unruhe und Missstimmung. Manchmal alleine aber oft in Begleitung eines schwachen Clowns. Denn, der schwache Clown ist das Fähnlein im Winde. Er lebt auch in seiner eigenen Manege, aber lässt sich auch ganz gerne in andere Zelte verführen. Er wird gerne geführt und sei dies an der Hand des Querulantenclowns, der ihm die Unfairness der Welt in den Fokus rückt. Vergesslich, nicht sehr zuverlässig tanzt er ziemlich naiv mit. Seine Pointen kommen oft nicht zum Schluss, weil er sich ziemlich schnell ablenken lässt und Richtung wechselt. So hinterlässt sein Auftritt immer viele Fragen und wahrscheinlich findet man danach auch noch irgendwo seine rote Nase, welche er liegen gelassen hat.

Weiter gibt es den perfekten Clown. Mit einem freundlichen Lächeln, scheint er eher ruhig, aber mischt bestimmt mit, wenn es um ihn und seine Rechte geht. Tritt er in ins Scheinwerferlicht läuft alles korrekt und nach Schema, ohne Abweichungen vom durchdachten Programm. Brav jedes Wort und jede Geste auswendig gelernt. Er kennt aber auch die Abläufe der anderen Programmmitglieder und ist nicht zu scheu, ihnen allfällige Fehler oder spontane Abweichungen unter die kuglige, rote Nase zu reiben. Denn er selber, hat nicht gerne Spontanität. Alles was nicht nach Plan läuft oder neu ist, verunsichert ihn. Immer verunsichert dagegen ist der weinerliche Clown. Er ist auch der labile Clown. Häufig mit sich selber und seinen Problemen beschäftigt, tritt er oft schon mit Tränen in den Augen hinter dem Vorhang hervor. Nebst den zu grossen Schuhen, die er trägt, schusselt und stolpert er vor lauter Angst und Unsicherheit, was ihn nur noch zu mehr Tränen führt. Traurig lässt er seinen Kopf hängen, bringt keine Vorstellung erfolgreich zu Ende, was dazu führt, dass seine Mitclowns ihn nur mitleidig belächeln und ihn nicht wirklich ernst nehmen.

Der egoistische Clown ist selbstbewusst und vergisst schon mal, dass es noch nicht Zeit für seinen Auftritt wäre. Dies wird aber grosszügig übersehen. Wenn er auftritt dann stets mit einem netten Lächeln, doch das Sägemehl wirbelt nur so umher. Er kommt, agiert und dabei ist ihm egal, was die anderen tun oder denken. Freundlich und nett, aber er holt sich, was ihm am besten bekommt und setzt sich mit wenig Aufwand gekonnt in Szene. Er liebt das Scheinwerferlicht und den Applaus. Ihm folgt tapfer sein Zögling, der hochmütige Clown. Arrogant und vor Selbstüberschätzung strotzend, schreitet er hoch erhobenen Kopfes durch das Zelt. Übersieht er dabei doch mal das Hindernis am Boden, ist der Schuldige schnell an den Pranger gebracht. Seine eigentliche Unsicherheit übertunkt er mit Selbstdarstellung. So mancher hat sich schon von seinem Auftritt mitreissen lassen und nicht gemerkt, dass er nur zerbrechliche Luftblasen zeigt, welche er farbig redet und die durch lauter heisse Luft gleiten.

Mein allerliebster Clown ist der beste Freunde Clown. Geht der Vorhang auf, tanzt er freudigen Schrittes in die Manege mit seinem riesigen roten, lachenden Mund und der karierten Mütze mit Blume. Sofort entdeckt er einen anderen Clown, aber auch das Publikum und versucht diese in seinem Programm zu vereinen. Seine fröhliche, ehrliche und gutmütige Art ist ansteckend. Stets auf Tournee hat er die Gabe doch immer wieder ein bisschen Zeit hervor zu zaubern, um zuzuhören und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Es gäbe noch viele andere Charakteren in diese bunte Clownerei einzureihen, so mancher Clown ist auch eine Mischung aus anderen Clowns. Und da ein solcher ein Zirkus auch in Zürich, München oder New York existiert ist die Kunst, den einzelnen Charakter kennen zu lernen und zu wissen, wie man mit ihm umzugehen hat und heraus zu finden, welche Clownnase man da selber am besten zu tragen hat.

Manche Menschen sind halt etwas anders

Lebt man in einer Stadt, so hat man so manchen direkten und indirekten Nachbarn. Auch wenn man meist nicht mal alle Personen im eigenen Haus beim Namen kennt, so kennt man diese wenigstens vom Sehen. Und so auch diese Leute im Quartier, die jeweils zu denselben Zeiten wie man selber unterwegs sind. So etwa ich die ältere Dame mit dem etwas zu dicken Hund, welche in dem Haus wohnt, vor dem im Herbst der Khakibaum fast unter seiner Last bricht. Oder der ältere, sportliche Herr aus dem hohen Block nebenan, der mit dem schweren Mofa zur Arbeit fährt und egal ob Sommer oder Winter, am Abend dann sein Fahrrad sattelt und vielfach mit schwerem Rucksack noch loszieht in die Dunkelheit. Oder die Frau mittleren Alters, welche scheinbar eine Art Tagesmutter zu sein scheint und welche schon ziemlich früh am Morgen unterwegs ist mit Kinderwagen und Kindern auf Leikabike und immer freundlich lächelt als würden wir uns kennen.

Ich gebe zu, der Herr aus dem Haus am Anfang der Strasse hat auch bei mir zuallererst komische Gefühle ausgelöst. Ganz in schwarz gekleidet, schwarze, glänzende Schuhe, schwarze, enge Lederhosen, welche seine dünne Gestalt betonen, ein weibliches schwarzes Oberteil oder einen Frauenmantel, schwarze Lederhandschuhe, eine schwarze, grosse Brille und weissblonde lange Haare. Und immer unterwegs mit einem weissen, hässlichen kleinen Hund an der Leine. Einen weissen Smart fährt er, auf dem ein Totenkopf prangt und steht, der Teufel fahre mit.

Ziemlich schräg und was nicht ins Bild passt, das macht irgendwie auch etwas Angst. Angst weil man unsicher ist und nicht weiss, wie man das einordnen soll. Ein Mann, welcher aussieht und sich kleidet wie eine Frau. Oder ist er eine Frau und sieht etwas männlich aus? Oder hat er gar sein Geschlecht schon mal gewechselt? Schwer zu sagen, da er, oder eben sie, halt auch immer eine dunkle Brille trägt und ich noch nie ein Wort mit ihm gewechselt habe.

Doch mittlerweile kenn ich auch ihn als einer meiner Nachbarn und mache mir keine Gedanken mehr. Auch er scheint jeden Tag früh aus dem Haus zu gehen und einer Arbeit nachzugehen. Auch seine Freizeit scheint nicht von Skurrilität geprägt zu sein. So habe ich ihn schon mal oben auf Sasso Corbaro getroffen, wo er scheinbar die Küchenbelegschaft dieses eher etwas teureren Grottos kennt. Und eben, häufig kommt er mir auf der Strasse entgegen, wenn er mit seinem Hund spazieren geht. Und, egal welche Tageszeit es ist, er ist einer der wenigen, der freundlich grüsst und das lässt einen eben dann doch etwas zu Hause und auch sicher fühlen. Ob nun etwas anders oder nicht!

Jetzt ist er doch noch gekommen!

Nachdem er sich schon ein paar Mal ganz kurz gezeigt hat, um dann gleich wieder zu verschwinden und herbstlichen Temperaturen Platz zu machen, ist er nun doch noch angekommen, der Winter. Leise über Nacht hat er sich weiss über das Seeland und den Jura gelegt. Es fasziniert mich immer wieder, wie diese weisse, dicke und zum Teil kompakte Decke sich bilden kann, durch die man stapfen kann und auch Recht ins Schnauben kommt, wenn man sich zwar nicht weglos, aber spurlos durch den Jura bewegt. Denn, setzt man sich in der Ruhe der Natur irgendwo hin und schaut den Schneeflöckchen zu, so sieht man wie sich wunderschöne, geometrisch exakt geformte, kleine Sterne niedersetzen, um dann schlussendlich auf den Kleidern langsam zu vergehen. Genau diese, winzigen wundersamen Formen müssen zu Abertausenden vom Himmel fallen und sich auf der Erde zusammen tun, um schlussendlich sich wie ein weisser Mantel um die Tannen zu legen und die Natur in ein gleichmässiges weiss zu verwandeln.

Die Sonnenstube der Schweiz

Genau das ist wohl das, was einem in den Sinn kommt, wenn man das Wort Tessin hört. Sicher nicht zu Unrecht, tatsächlich ist es hier ziemlich oft sonnig und warm, der Frühling wärmt schon etwas früher die Natur auf und der Herbst dauert noch etwas länger als nördlich des Gotthards. Das mag jetzt etwas kurios tönen, aber, Sonne hin oder her, ich mag die Regentage hier in Bellinzona einfach wahnsinnig gerne. Denn, während es im Seeland regnet, hat man über sich ein grauer, langweiliger Deckel. Hier jedoch scheint der Himmel sich zu senken. Graue, grosse, dicke, wulstige Wolken hängen an den Bergen, welche uns von allen Seiten umgeben. Die Wolkenschwaden hängen so tief, dass man jeweils nur die Hälfte der Stadt sieht, die andere Hälfte verschwindet gänzlich in ihnen. Weder der Pizzo Claro noch andere Berge scheinen noch zu existieren. Dasselbe gilt für Sasso Corbaro während der tiefer gelegene grössere Bruder der Burg, Montebello, mystisch von Wolkenschleiern umgeben ist. Diese Bellinzona-Regentag-Stimmung ist einfach einzigartig. Man könnte tausend schöne, geheimnisvolle Fotographien machen und dabei vergessen, dass man gerade patschnass wird dabei.

Solch ein wunderbarer Regentag war heute. An einem Morgen wie diesen lass ich jeweils mein Fahrrad zu Hause stehen, schnappe meinen Schirm und gehe gut gelaunt zu Fuss zur Arbeit. Während meines Weges bewundere ich die Wolken, entdecke, was es noch zu sehen gibt und was nicht mehr hier zu sein scheint. Überlege mir, wie Bellinzona ohne Berge wäre oder ob es noch als Stadt gelten würde mit all den fehlenden Häusern. Dabei bestaune ich auch die Wolkenschleier, welche am umherziehen sind und mal hier, mal dort sich etwas lichten und ein paar Häuser wieder zum Vorschein bringen oder eine Kirche plötzlich am gewohnten Platz am Hang steht.

Dann ist da aber noch was anderes tolles an solch einem Wintertag. Man weiss nämlich nie, was sich in den Wolken abspielt. So ist deren Verschwinden immer etwas wie eine mit Spannung zu erwartende Überraschung. Oft geschieht dies erst am nächsten Morgen, heute war es schon am Abend soweit. Beim Verlassen der Arbeit war der Himmel praktisch wolkenfrei, ein paar Sterne glitzerten schon, die Luft war wunderbar rein gewaschen. Und als mein Blick dann zum Pizzo Claro hoch ging, da war es wieder mal soweit – erstens stand er wieder da wo immer, zurückgekehrt ins Panorama! Zweitens aber nun auch wunderbar verschneit präsentiert er sich in einem neuen Kleid. Solche Verwandlungen geschehen nicht nur im Winter, sondern ebenso auch nach einem heissen Frühlings-oder Herbsttag. Nachem Räge schiint d’Sunne… und der Rest ist eben Überraschung!

Aller Anfang…

Nach über zehn Jahren Abwesenheit, war sie plötzlich wieder da – die Lust auf’s Schreiben. Mitten im Strassenverkehr, beim Nachrichten hören, während dem Betrachten eines Werbeplakates oder in interessanten Konversationen, der Drang zu Schreiben tauchte immer ganz unverhofft auf und wurde immer stärker. Doch was macht man mit lauter verschiedenster Einfällen, schlussendlich verarbeitet zu kleinen Texten? Langsam wuchs die Idee, all diese literarischen Anfälle auszuleben und auch zu sammeln und zwar in einem praktischen, zeitgemässen tool, in einem blog.

Schnell einen blog starten ist dann aber in Tat und Wahrheit nicht ein schnelles Unterfangen. Einfach mal anfangen und schauen, wie das so geht – aber halt, da muss zuerst ein Name her, sonst gibt’s keine Webseite und ohne Seite kann man nicht einfach anfangen und schauen. Allerlei Ideen, doch je mehr man sich zur Namensfindung überlegt, desto schwieriger scheint es zu sein. Kurz, prägnant und doch inhaltbeschreibend, merkbar und doch irgendwie ein Unikat, so sollte er sein, der Name. Und immer wenn man denkt, aber jetzt hab ich ihn, den perfekten Namen, wird man beim folgenden googeln wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, schon vergeben. Bis man schon fast aufgegeben hat und das Projekt blog beinahe am Nagel zu hängen kommt. Dann ist er doch noch zugeflogen gekommen – kurz, prägnant, frech, merkbar, weder also blog noch sonst als ein google Eintrag auffindbar. Und so freue ich mich als Zwitscherlisi wieder etwas in die Welt des Schreibens tauchen zu können.