Der Horizont oder da, wo die eigene Welt aufhört

Einen Abend mit einem besonderen Menschen verbringen kann einen die Welt wieder mit anderen Augen sehen lassen. Während ich eher sportlich unterwegs bin, um mit ihm Schritt oder wohl eher Rad zu halten, hat Matthias neben mir ein gemütliches Lachen auf den Lippen und plaudert munter weiter, ohne wie ich, beständig nach Luft zu schnappen. Der Unterschied von ihm zu mir, er sitzt im Rollstuhl. Nicht irgendein Rollstuhl, nein, ein per Joystick gesteuertes Modell. Matthias ist Tetraplegiker, das heisst, die Querschnittlähmung betrifft nicht nur die Beine, sondern auch die Arme. Seit fünfzehn Jahren schon ist er an den Rollstuhl gebunden, seit einem kleinen Augenblick mit fünfundzwanzig, ein kleiner Moment, welcher das ganze Leben auf den Kopf gestellt hat. Ein kleiner Augenblick, welcher alle Träume mit einem Schlag zertrümmert hat, welcher gezwungen hat, die Welt mit anderen Augen sehen zu lernen. Meine Perspektive auf dieses Leben ist auch nach einem Abend nur ein Bruchteil von dem, was er tagtäglich durchlebt oder was er schon durchgemacht hat.

Wir gehen Essen.  Der erste warme Frühlingstag. Während es im Tessin runter schüttet, was es schütten kann, schein hier im Norden mal die Sonne. Es ist angenehm warm und das Volk ist auf der Strasse, jeder auffindbare Stuhl draussen ist besetzt. Gartenterrasse oder gleich drinnen? Es ist zwar warm, doch es hat auch einige Wolken. Und der Abend schreitet voran. Einfach mal hinsitzen und dann bei Bedarf zügeln, ist nicht so einfach, wenn man zwar mobil, dies aber nur mit Elektrostuhl ist. Ausserdem, wird ihm kalt, dann wärmt er sich nicht so schnell wieder auf. Die Entscheidung ist gefällt, wir suchen uns was für drinnen. Die grosse Anzahl Restaurants in einer Stadt verkleinert sich urplötzlich – schmale Türen, ein kleiner Absatz, unpassierbar. Wir finden doch noch ein Restaurant, welches uns aufnehmen will. Der runde Tisch neben der Türe. Obwohl nicht die Haupttüre, der Rollstuhl schränkt den Durchgang für das Personal ein und behindert auch die Kassenbedienung. Das Personal äusserst professionell, lässt sich nichts anmerken. Die Gäste hingegen eher weniger professionell. Wir werden gemustert.

Das Trinken mit Strohhalm an einem normal hohen Tisch ist kein Problem. Das Nachfüllen des Glases schon, denn, dazu brauch man Hände, welche die Flasche über das Glas heben können. Und dies geht eben nicht, wenn man so wie Matthias das Rückenmark in den Halswirbeln geschädigt hat.  Und so ist auch das Essen nicht bewerkstelligbar, weil die Gabel niemals die Höhe des Mundes erreichen kann. Ich merke, an meiner Ungeschicktheit, dass ich keine Kinder habe. Nicht nur die Grösse der Portionen auf der Gabel sind irgendwie schwer einschätzbar, wenn sie nicht für den eigenen Mund gedacht sind, auch sie dann zum Mund hinführen ist gar nicht so einfach. Und aufspiessen mit der Gabel will ich meinen Freund ja auch nicht. Doch, ich gebe mir Mühe und lerne, mein Teller ist dabei zweitrangig. Wenn man selber vielleicht manchmal seine Mahlzeiten etwas teilnahmelos herunter schlingt, essen ist für einen Menschen wie ihn nicht eine Selbstverständlichkeit. Es ist nicht nur eine Lebensnotwendigkeit oder sogar ein Vergnügen, es kann auch Abhängigkeit bedeuten.

Nach dem Nachtessen wechseln wir in eine Bar mit Konzert. Herzlich werden wir vom Barbesitzer empfangen. Etwas weniger herzlich ist der Durchzug dort drin. Beim Versuch ihm die gewünschte Kappe anzuziehen, merke ich, wie schwierig dies ist, wenn man diese an einem anderen Menschen anziehen sollte und nicht einfach sich selber über den Kopf stülpt. Geschweige denn, wie schwierig es ist, dass er das Gefühl hat, sie sitze nun richtig. Wir geniessen die Musik und ich seinen sarkastischen Humor und die guten Gespräche. Leider gehen aber auch gemütliche Abende mal einem Ende zu. Mittlerweile ist es dunkel geworden und auch einiges kühler. Sicher angebracht, die Jacke aus seiner Tasche hervor zu holen und anzuziehen. Ich kriege konkrete Anweisungen und lerne, dass es einen kleinen Trick gibt, mit einer Antihafthandstütze doch problemlos in einen Mantelärmel zu schlüpfen. In den ersten Ärmel geschloffen, muss ich den Brustgurt öffnen. Er lehnt vorüber und ich kann ihm die Jacke hinter dem Rücken zurecht ziehen, bis sie ohne Rümpfe sitzt. Nachdem alles gemacht ist, melde ich mich mit einem „gut“ und warte instinktiv, dass er sich wieder in seinem Stuhl zurück lehnt, damit ich ihm den Gurt wieder zumachen kann. Es dauert ein paar Sekunden bis mir klar wird, dass er das nicht machen wird. Nicht, weil er nicht möchte, sondern, weil er dies schlicht und einfach nicht kann. Nach diesem ganzen Anziehprozedere verstehe ich auch etwas besser, wieso er lieber Sommer hat. Da braucht man keine Jacke mitzunehmen, welche dann jemand anziehen muss! Im Winter hingegen sind die Jacke, Kappe sowie die Handschuhe unbedingt nötig, um sich draussen zu bewegen, welche aber dann während der Fahrt im geheizten Zug nicht einfach abgelegt werden können.

Nach ein paar Stunden zusammen wird mir wieder mal ganz klar, wieviel Freiheiten mein Leben beinhaltet – ich kann selber entscheiden, in welchem Rhythmus ich meinen Teller leer esse und was und wieviel ich mir auf meine Gabel lade. Dabei werde ich auch nicht beständig angestarrt. Ist mir kalt, so ziehe ich mir schnell etwas über oder bewege mich. Will ich von A nach B, so tue ich es ohne grosse Überlegungen oder Organisation. Und mir wird dabei auch bewusst, wie unendlich schön es ist, eine Privatsphäre zu haben und unabhängig leben zu dürfen! Und wie wunderbar es ist, wenn man Träume haben kann, welche zu realisieren möglich sind!

Die kleinen Dinge des Lebens

Einkaufen gehört definitiv nicht in die Kategorie Lieblingsbeschäftigungen von mir. Die überall im Weg stehenden Einkaufswagen, dann Kinder am herumfingern im Gemüse, noch schlimmer die Erwachsenen, welche jede Tomate per Fingerdruck testen müssen. Dann verloren aussehende Männer, irgendwo zwischen einem Gestell ausgesetzt, während die Frau drei Reihen weiter ein munteres Schwätzchen mit der Nachbarin hält. Und immer dann, wenn man es besonders eilig hat, kommt man kaum voran oder findet die Produkte nicht.

Doch, wenn mich die Migrosverchäuferin an der Kasse dann freundlich anlächelt in einer Art und Weise, welche mir zeigt, wir kennen uns, dann wird mir einfach warm ums Herz! Sie weiss auch, dass auch wenn ich noch das Rollband am Beladen bin oder durch den Vorkäufer noch keinen Zugang zu der schon abgescannten Ware habe, dass ich diese gerne gleich nach dem Preisetikettencheck in meinen Papiersack packe. Auch wenn ich dann diese Papiertasche oft auch noch zuerst aus meiner umgehängten Plachentasche hervor holen muss. So lässt sie den Blumenkohl wie selbstverständlicher nicht das Rollband herunter rollen, sondern hält diese mit einer Hand zurück und scannt mit der anderen Hand munter weiter. Dies mit einem Lächeln auf den Lippen und so lange, bis ich bereit bin die ganze Ware in Empfang zu nehmen.

Wenn es dann ums Zahlen geht, fragt sie routinemässig nach der Cumuluskarte, welche bei mir ein Kleber auf der Postcardhülle ist. Diese muss ich mühsam aus meinem zu engen Portemonnaiefach grübeln, wobei mir sicher noch die Kartensammlung aus dem Hauptfach auf den Boden fällt, was ihrem Lächeln keinen Schaden nimmt und auch nicht an ihrer Geduld zerrt. Schlussendlich wünscht sie mir dann noch herzhaft einen guten Tag und ich verlasse das Geschäft mit dem Gedanken, dass Einkaufen eigentlich doch nicht so schlimm ist. Und, ein wenig freue ich mich schon auf das nächste Mal, wenn ich wieder von meiner Kassiererin bedient werde, mit dem lieben Lächeln auf den Lippen und ihrer Engelsgeduld!

Wenn der Tessiner Frühling bläst

Eigentlich bin ich ein Mensch, der höchst selten an Kopfschmerzen leidet. Seit ich jedoch in die Tessiner Hauptstadt gezogen bin, kenn ich dieses Leiden etwas besser. Wenn mir der Kopf auf unerklärlicherweise wieder anfängt zu schmerzen, dann weiss ich, er ist wieder da, il vento. Und dies auch, wenn ich einen ganzen Tag hinter geschlossenen Dachfenstern an der Arbeit sitze und sein Wirken weder sehen noch physisch spüren kann. In diesem Moment wird mir dann aber auch bewusst, es ist wieder Frühling. Denn, hier verraten nicht nur die Knospen an den Bäumen, die vielen schönen Blumen in den Gärten und das frischerwachte Vogelgezwitscher den Frühling, sondern eben auch der Wind. Obwohl, eigentlich ist es ja immer etwas windig hier bedingt durch all die Täler, welche rund um Bellinzona enden. Und konstant ein Lüftchen kann sogar sehr angenehm sein im Sommer, wenn das Quecksilber im Thermometer nur noch am in die Höhe steigen ist. In den Frühjahrsmonaten ist es aber zeitweise schon eher sturmartig hier, so stürmisch, dass es auch dem Kopf ganz sturm werden kann.