Regen, Regen, nichts als Regen. Den ganzen Vormittag schien es wie aus Kübeln zu giessen und weit und breit kein Ende in Sicht. Nur trostloses Grau am Himmel. Sie steht schon eine ganze Weile am Fenster, ihr langes braunes gelocktes Haar fällt über ihre Schultern. Der Blick starr in die Ferne gerichtet bewegt sich nur der Brustkorb mit jedem Atemzug. Die Zeit scheint wie stehen geblieben, für sie hat sie in diesem Moment keine Bedeutung.
Eine Träne läuft der Wange nach, erreicht den Gesichtsrand und tropft dann auf den Boden. Wie in Zeitlupe schient sie zu fallen, bis sie auf den Boden klatsch und nicht mehr zu sehen ist. Immer noch reglos steht sie da, in Gedanken versunken. Es kommt ihr immer noch vor als wäre dieser warme Junitag erst gestern gewesen. Sie wischt sich eine weitere Träne ab, bevor diese den Boden erreichen kann.
Kennen gelernt hatten sie sich beim Einkaufen. Sie sieht es noch jetzt vor ihrem inneren Auge und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Kurz vor Ladenschluss, nach getaner Büroarbeit eilte sie in das Einkaufszentrum um noch etwas für das Nachtessen zu besorgen. Im Gedränge stand sie vor den Kühlregalen und konnte sich nicht entscheiden. Und plötzlich, platsch, alles wurde weiss verspritzt. Da hatte doch tatsächlich so ein Depp einen Milchbeutel fallen lassen! Sie war zu müde um sich aufzuregen, schaute auf und blickte in das Gesicht eines Mannes, der starr vor Schreck und etwas hilflos ein „Entschuldigung“ über die Lippen brachte. Drum herum fingen Leute an zu fluchen, ob er denn nicht besser aufpassen könne und die teure Jacke sei nun ruiniert und überhaupt, was ihm eigentlich einfalle! Nach einigen Sekunden, in denen Andrea einfach rings in diesem Gewühl und Geplapper stand, hatte sie die Situation im Griff und als wäre es das normalste der Welt eilte sie fort um gleich darauf mit einem Kessel und einem Wischer die ganze Sauerei zu putzen. Die meisten Leute hatten sich nun wieder ihrem Stresseinkaufen hingegeben und rund ums Milchkühlregal kehrte etwas Ruhe ein. Der Herr in der dunkelbraunen Jacke schaute sie immer noch hilflos, aber auch dankbar an und ohne Worte war die Sache innerhalb kürzester Zeit wieder sauber. Jedenfalls so sauber, wie es in einem Einkaufszentrum sein kann, indem täglich hunderte von Leuten sich mit Waren eindecken.
Zum Dank dass sie ihn nicht auch noch bloss gestellt, sondern wortlos einfach geholfen hatte, wird sie zu einem Kaffe eingeladen. „Es tut mir Leid, dass ich Ihre Hosen bekleckert habe, der Beutel ist mir einfach aus der Hand gerutscht!“ „Ach, das ist schon vergessen, machen Sie sich keine Sorgen, das kann doch jedem Mal passieren!“
Sie unterhielten sich eine Weile über Milch und Verpackungen und die Reaktion der Leute, um dann wieder getrennte Wege zu gehen. Doch dies sollte nicht ein endgültiger Abschied bedeutet haben. 3 Wochen später trafen sie sich wieder auf dem Weg durchs Dorf. „Guten Tag, wie geht es Ihnen? Und sind die Hosen nicht völlig ruiniert?“ „Mir geht es prima und Waschmaschinen sei Dank, den Hosen auch!“ „Hätten Sie Lust auf einen Kaffe?“ Samstagnachmittag bei Sonnenschein und einem guten Kaffe in einer gemütlichen Gartenwirtschaft zu sitzen und den Leuten beim Flanieren zuschauen, was konnte es besseres geben? Sie fingen an, sich über die Leute und deren Leben zu unterhalten. Da gab es den Mann mit der Jeansjacke und dem Tattoo auf dem Hals, der etwas verwahrlost mit seinem Hund herumlungerte. Oder die schicke Dame mit dem adretten rosaroten Hüttchen und der glänzend weissen Lederhandtasche, das junge Pärchen auf dem Bank vis-à-vis, dass sich nicht genug umarmen konnte und der ältere Herr am Stock, der vermutlich mit seinem Grosskind unterwegs war. Eine ganze Weile waren sie daran, den Gestalten Eigenschaften zuzuordnen, ihnen mehr als nur ein Gesicht zu geben, sich ein Leben vorzustellen. Es wurde viel gelacht und die Zeit verging wie im Fluge.
Während sie dann so dasassen meinte er plötzlich, dass es schon komisch sei, wenn man so viel über andere Menschen spräche und einander kaum kenne. „Ich bin Florian.“ „Freut mich, und ich die Andrea.“ Florian fing an zu erzählen, dass er noch nicht allzu lange hier wohnte, seine Freundin hätte ihn verlassen und so sei er hier hin gezogen. Arbeiten tat er nicht unweit weg, Architekt sei sein Beruf. Als Andrea an der Reihe war, begann sie damit, dass sie zwei schwarze Katzen besass und schon seit Kindestagen in diesem Dorf wohne, es hätte sie nie weg gezogen. Seit dem Tod ihrer Eltern sowieso nicht mehr. Hier sei ihre Heimat und sie kenne Dorf und Leute. Angestellt war sie bei der Bank, so Bürokram halt eben. Nichts besonderes, aber es reicht sich ein normales Leben zu finanzieren und ab und zu in die Berge zu fahren. Florian wurde sofort hellhörig, Bergtouren waren seit je her seine Leidenschaft auch er liebte es, stundenlange Wanderungen durch die einsame Natur zu machen. Der Beschluss wurde gefasst, das nächste Mal ist man zusammen unterwegs. Ob es Andrea denn nichts ausmache, wenn er, Florian, noch seinen Retriever mitnehme? Er hatte ihn, seit seiner Trennung und wollte ihn nicht alleine zu Hause lassen! Mit einem Hund gross geworden, war das für sie kein Thema.
Aus der Begegnung im Einkaufscenter entstanden eine Wanderung und dann noch eine und noch eine. Man lernte sich immer besser kennen, verbrachte gerne Zeit zusammen. Aus gemeinsamen Wochenenden wurden Ferien in der Toskana und schlussendlich zog man zusammen. Alles klappte hervorragend. Klar, ab und zu schieden sich die Geister, aber einer der beiden konnte immer wieder einen Schritt vorwärts tun und grosse Streitereien wurden im Keim erstickt.
Es regnet immer noch. Die Tropfen fallen still und leise auf das Fensterbrett. Jede Einzelne wird beim Aufschlagen auseinander gerissen und verschwindet.
Nun ist es einen Monat her. Unter dem Motto „der Weg ist das Ziel, der Gipfel dabei ein schönes Erlebnis“, hatte Florian sich im Dunkeln aufgemacht. Sie noch ganz schlafgetrunken kriegte einen Kuss auf die Stirn. Sie verwünscht diesen Morgen immer noch. Wieso nur hat sie den Termin nicht verschoben, um mit ihm zu gehen? Wieso war sie nicht auch aufgestanden und hat ihn richtig verabschiedet? Die Gedanken kreisen unerträglich. Florian kehrte nie zurück – wahrscheinlich abgestürzt, doch gefunden hat man ihn nie. Er war immer so trittsicher gewesen und das Seil sein bester Freund! Was war nur geschehen an diesem Freitagmorgen?
Man hat ihr geraten trotz Status „Vermisst“ eine kleine Abschiedsfeier auf dem Friedhof zu machen. Reglos steht sie da, genau davor hatte sie sich ein Leben lang gefürchtet. Der Augenblick wird zur Ewigkeit und unerträglich. Der Schmerz lähmend in den Knochen kann sie sich nicht weiter bewegen. Warum nur? Antwort gibt es keine, die Stille eine Qual. Erinnerungen an kleine Streitereien kommen auf. Abwaschen wäre nun kein Muss mehr und auch das Zusammensammeln der Socken kein Thema. Vorbei, solche Gedanken bringen doch nichts! All die gutgemeinten Worte über das Vergessen. Wie sollte sie vergessen, was erst noch gerade noch ihr Leben war?
Die Feier ist eine Tortur. All diese Menschen, sie kann es nicht ertragen. Worte, die sie nicht hören will, Ratschläge, welche sie verletzen, sie möchte einfach alleine sein. Seine Eltern, auch sie leiden. Der Vater, still sitzt er da und erträgt die bedrückte Stimmung. Der Verlust tut allen weh. Dazu dieses Unbehagen, was war nur passiert? Etliche Stunden hatte sie gewartet mit Pasta und Reibkäse, es war Florians Leibspeise und sie wollte ihn mit Kerzenlicht empfangen und ihm die erfreuliche Neuigkeit mitteilen. Dazu kam es nicht mehr.
„Nein, ich komme zurecht, Danke. Ja, das ist lieb. Wir sehen uns. Es geht schon“. Als alle gegangen sind, schiessen Tränen in die Augen. Sie fühlt sich alleine, ihr Leben kommt ihr plötzlich ganz sinnlos vor. Lange steht sie noch da, betrachtet das kleine Häufchen frisch aufgeschaufelte Erde und die vielen Blumen. Es waren viele Leute da gewesen. Florian war ein geselliger Mensch, man hatte ihn gerne um sich gehabt. Alles ist nass vom Regen und sie friert schon lange. Schliesslich kann sie sich doch aufraffen, und macht sich auf den Heimweg.
Die Tage vergehen, der Schmerz jedoch nicht. Das Alleinsein ist bedrückend, die ungelösten Fragen quälend. Ein kleiner Gedanke wird zu einem immer grösser werdenden Wunsch, sie muss diesen Berg erklimmen und ihn suchen. Er muss da draussen sein! Der erste Teil des Weges ist ein schöner Wanderweg. Sie betrachtet die Wurzeln, atmet den Kiefernduft ein und pflückt sich ein Vergissmeinnicht. Dieses kleine Blümlein hatte sie damals auf der ersten Wanderung von ihm ins Haar gesteckt bekommen. Sie betrachtet die Blüte und es kommen Erinnerungen hoch. Schnell läuft sie weiter. Nach ein paar Stunden erreicht sie die Hütte. Zum Glück ist niemand hier, sie hatte so gehofft, niemanden erklären zu müssen, was sie vorhat. Florian, er muss irgendwo da oben sein!
Die blau-weisse Route steigt an, bald ist kein Weg mehr sichtbar, das Gelände wird exponierter und steiniger. Immer häufiger muss sie sich mit den Händen an den Felsen hochziehen. Ganz ruhig und sicher sind ihre Tritte, so waren sie etliche Male zusammen unterwegs. Ab und zu sichert sie sich an einem Bohrhacken. Sie kommt gut voran. Eine kleine Felsnase bereitet ihr ein bisschen Schwierigkeiten. Tapfer schaut sie nach Oben und zieht sich hoch. An solchen Stellen hat er sie immer gesichert und ihr bei der Trittsuche geholfen und gezeigt, wo sie sich hochziehen kann. Die Hände sind zwar schon etwas aufgescheuert vom rauhen Fels, doch sie spürt den Schmerz nicht. Ihre Augen suchen immer wieder die blau-weisse Markierung, die sie unermüdlich verfolgt. Meter um Meter steigt sie hinauf. Ein einziges Mal rutscht sie mit den Füssen im losen Geröll ab, ein kurzer Schreck und etwas zittrig bleibt sie stehen. Doch der Wille ist stärker als die Angst.
Die Sonne scheint ihr warm ins Gesicht, als sie das Gipfelkreuz erreicht. Sie setzt sich hin, ist überwältigt vom Panorama, wenn doch nur Florian an ihrer Seite wäre! Es hatte immer so Spass gemacht, mit ihm einen Gipfelsieg zu geniessen, sich mit ihm hinzusetzen und über die Namen der Bergspitzen zu rätseln. Er hatte auch immer eine kleine Überraschung zur Hand – ein kleines Stückchen edle Schokolade oder ein Fläschchen Rotwein. Sie blickt den Berg hinunter, wenn er doch nur um den nächsten Felsen käme, um sie mit seinem herzlichen Lachen zu empfangen. Doch sie bleibt alleine, es ist still bis auf die Postautosirene weit unten im Tal, die von Zeit zu Zeit ertönt. Langsam öffnet sie den Bügel der kleinen Schatulle am Kreuz, nimmt das Gipfelbuch zur Hand und blättert mit zittrigen Fingern zurück. Ohne das Datum oben an der Seite auch nur zu lesen erkennt sie das Bild auf Anhieb – Myosotis alpestris, das Alpen-Vergissmeinnicht! Die geschwungenen Striche sind unverkennbar. Tränen schiessen ihr in die Augen, nein, sie wird ihn nie vergessen! Florian, was sollen wir nur tun ohne Dich!?