Wie man sich in Menschen täuschen kann

Da sind diese zwei Teenie Girls mit im Bus. Ein ziemliches Fest scheinen sie zu haben. Gluggernd und glucksend steigen sie an der gleichen Haltestelle aus wie ich. Ihr Ziel, der kleine Umgebungsplan an der Haltestelle. Dort kichern sie weiter. Ein ziemlich unsympathischer Geschäftsmann steigt ebenfalls aus dem Bus. Sein Gesicht kantig und ernst. Ihm möchte ich in der Berufswelt nicht begegnen. So etwas wie das Gegenteil der beider Mädchen, ernst und hart wirkt er. Seinen Aktenkoffer in der Hand, geht er seinen Weg. Auch ich mache mich auf zur Arbeit.

Dann hör ich eine Männerstimme, die fragt, wo sie denn hinwollten. Ich drehe mich um, um die Szene zu verstehen. Da ist doch tatsächlich dieser Geschäftsmann zurückgekehrt, um den beiden Mädchen behilflich zu sein. Nachdem er ihnen den Weg erklärt hat, vergewissert er sich nochmals, dass sie es verstanden haben und geht schlussendlich doch noch seines Weges.

Während ich nicht mal verstanden habe, dass die beiden Mädchen etwas verloren waren, hat doch tatsächlich dieser unsympathische Typ dies bemerkt, sich Zeit genommen und den beiden ziemlich geduldig und nett geholfen. Wie man sich in Erscheinungen täuschen kann!

Für einen Tag das Leben tauschen mit…

Wieder Mal unterwegs im Auto, fragt die Reporterin in der Kindersendung, mit wem man denn gerne mal sein Leben tauschen würde. Es werden berühmte Sängerinnen und Schauspieler aufgelistet. Klar, wer träumt nicht von Glimmer, Glanz und Gloria. Obwohl dies wohl auch mehr Schein als Sein ist. Urplötzlich bin ich in Gedanken in Peru und sehe ein paar Strassenkinder vor mir. Auf der dreckigen Strasse, im Abfall nach Essen wühlend. Dort, wo vorhin der Hund sein Geschäft erledigt hat. Und trotzdem ist immer wieder ein Lachen aus diesen Kindermündern zu hören. Und dann fang ich mich zu fragen an, ob statt eines Wechsels in die Welt der Sternchen vielleicht nicht ein Tag als Strassenkind bereichernder wäre!? Ob man danach statt nach dem ungreifbaren Reichtum und Status zu hadern, sich plötzlich als König in seinem eigenen Leben fühlt.

I miei castelli

Oft, wenn ich mich einsam fühle, wandert mein Blick hinauf zu den Castelli und ich ziehe los. Meist nicht über Giubiasco, sondern gleich nach dem Bahnhof unter der Unterführung durch via Daro und Artore. Vorbei an Montebello, vorbei an schönen Häusern und interessanten Gärten hoch zu Sasso Corbaro. Schloss Unterwalden, wie es auch heisst, ist klein, viereckig, hat einen wunderschönen Innenhof mit Rebenüberdachter Gartenterrasse eines Restaurants. Ziemlich auf den Felsen gebaut, kann man nicht um die ganze Burganlage gehen. Doch, durch die Schiessscharten hindurch geht der Blick über Giubiasco, hinauf zum Ceneri oder über die Magadino-Ebene bis zum Lago di Locarno. Auf der anderen Seite sieht man die Bernadino-Region und die Leventina hinauf bis zum Pizzo Claro und dem darunter liegenden Kloster. Eine herrliche Sicht und wenn die Sonne am Untergehen ist, scheint der See im Rot zu versinken.

Hinunter geht’s wieder über ein kurzes Stück Wanderweg zwischen Felsen und Wurzeln unter dem Laub von Kastanienbäumen. Auf dem Weg, kommt man an einem Brunnen vorbei, der mir schon so oft eine Abkühlung war. Ein letzter Blick auf die gelbe Chiesa San Sebastiano und der Weg dreht ab nach Süden. Montebello, Schloss Schwyz kann über die Zugbrücke betreten werden. Mein Lieblingschloss. Hier habe ich schon Stunden verbracht. Nicht nur, dass es einfach irgendwie ein genialer Bau ist, vorne auf der Wiese lässt es sich so gut in der Sonne liegen, nach einem heissen Sonnentag den Wind geniessen oder einfach sonst die Abendstimmung aufnehmen. Von hier hat man einen ziemlich guten Überblick auf Bellinzona und doch scheint es, man sei weit weg von der Stadt im Frieden.

Das letzte Stück Weg hinunter in die Stadt ist am Faszinierendsten. Durch die Häuser, mit Blick hinter die Kulissen, auf Pflastersteinen geht’s ziemlich rasant hinunter zur Piazza della Collegiata, für mich das Herzstück von Bellinzona. Auf der anderen Seite der Piazza könnte man dann wieder hoch zu Schloss Uri, oder Castelgrande steigen. Ein hübsches Grotto in den Mauern wartet dort entdeckt zu werden!

Morgendliches highlight auf der Baustelle

Baustelle und einspurige Verkehrsführung und das mitten auf der Hauptverkehrsachse der Stadt. Nicht gerade das, was die Laune hebt, wenn man sowieso etwas widerwillig den Gang zur Arbeit auf sich nimmt. Dort an der Kreuzung, wo auch die zweite Spur wieder befahrbar ist, steht jeden Morgen ein Schwarzer und regelt den Verkehr. Früh am Morgen, bei Wind und Regen und mitten im Morgenverkehr, nicht gerade ein Traumjob. Sehr aufmerksam lässt er mich als eine Rarität von Velofahrerin jedoch nie anhalten und regelt den Verkehr immer so, dass ich ohne grossen Stopp freie Fahrt geniesse. Worauf ich ihm dann zum Dank freundlich zunicke. Mittlerweile hat er den Platz gewechselt, steht nun mit dem Rücken zu meiner Strasse und meine freie Fahrt ist nun auch nicht mehr jeden Morgen gewährleistet. Er jedoch merkt immer, wenn ich auf die Kreuzung zufahre und dreht sich um, um mir mit liebem Lächeln zuzuwinken. Jeden Morgen zaubert er mir so ein Lächeln auf die Lippen und ich hoffe dann, dass diese Baustelle der Hauptstrasse noch lange erhalten bleibt.

Vom goldenen König

Wenn man nicht mit blauem Blut geboren wird, so hat man immerhin einmal im Jahr die Chance eine Krone zu tragen. Doch, um König zu werden, braucht es etwas Glück. Denn, er lässt sich nur in einem der sechs Kuchenstücke finden, in welchem ist die Wahl und das Glück eines jeden Einzelnen. Noch seltener sind aber die goldenen Könige. Liest man den Beipackzettel des Königkuchens erfährt man, dass diese tatsächlich existieren und man mit einem solchen goldenen König an der Auslosung von 100 verschiedenen Preisen teilnimmt. Da gibt es einen Party-Service von tausend Franken bis zu einem Bäckereigutschein von dreissig Franken zu gewinnen. Aber eben, scheint es für manche Menschen schon schwierig je mal an einen König zu kommen, dann scheint das Auffinden eines goldenen Königs eine Unmöglichkeit zu sein.

Oder doch nicht?

In unserer Zeit von Kuschelpolitik kann man sich so eine unfaire Situation natürlich nicht mehr erlauben. Liest man das Kleingedruckte, so erfährt man als Allererst, dass absolut kein Kaufzwang besteht. Was heisst, man muss sich nun nicht wochenlang von Königskuchen ernähren, um seine Chancen auf einen solchen goldenen König und somit die Teilnahme an der Auslosung zu erhöhen. Die goldenen Könige können ganz einfach bei der Geschäftsstelle bezogen werden, und zwar gratis. Wobei, nur einer pro Haushalt. Das war noch nicht alles. Der Clou der Geschichte vom Bäckereiwettbewerb ist, um an der Verlosung teil zu nehmen, müssen diese Könige dann auch wieder an dieselbe Geschäftsstelle zurückgesendet werden. Und da das letzte Bestelldatum dieser speziellen Könige mit dem Datum übereinstimmt, an dem man sie zurückgesendet haben muss, geht wohl auch eine simple Nachricht mit der Bitte, doch mit einem goldenen König in meinem Namen an der Verlosung teil zu nehmen. So sparen sich beide Seiten das Porto und der Postbote wird nicht für Sisyphusarbeit ausgenutzt. Das Ganze hat tatsächlich nur einen Hacken, Mitarbeiter einer Bäckerei/Confiserie sind vom Wettbewerb ausgeschlossen.

1927 versus 2017

Geboren im Dezember 1927. Es fehlen zehn Jahre, um zu sagen, er hat ein Jahrhundert gelebt. Wenn ich mir das so vorstelle, zehn Jahre sind ziemlich schnell vorbei und sehr läppisch im Gegensatz zu einem Jahrhundert. Vor Allem gerade dieses Jahrhundert.

Geboren zwischen den Weltkriegen. Miterlebt, was es heisst, wenn der Vater in den Krieg ziehen und der Hof trotzdem weitergeführt werden muss. Von der Mutter und den Kindern, vor Allem auch vom Ältesten. Aufgewachsen in einer Zeit, wo es nicht selbstverständlich war, dass man sich so einfach alles leisten kann, was man sich wünscht. Wo Elektrizität im Haus nicht vorhanden war, die Milch per Leiterwagen eine halbe Stunde lang ins Dorf heruntergezogen wurde. Statt PS vom Traktor ein echtes Pferd vor den Pflug gespannt. Eine Zeit, wo ein Fahrrad einen hohen Wert hatte und dessen Benutzung nicht in den Kinderschuhen gelernt wurde. Butter stand nur sonntags auf dem Tisch, dafür gab es reichlich Kartoffeln. In einer Zeit, wo es vorkam, dass eine Mutter nach einer Geburt einfach stirbt oder ein kleines Kind auf dem Feld ums Leben kommt. Eine Zeit, wo man die Hausaufgaben auf dem Schulweg im Wald gemacht hat, weil man nebst der Hofarbeit keine Zeit mehr hatte. Eine Lehre noch Geld gekostet hat und alles andere als selbstverständlich war, wo man wusste, was Ehrfurcht vor Eltern, Lehrern und Ausbildnern bedeutet. Statt sms und E-Mail und Tratsch per Facebook hat man sich in der Dorfmusik getroffen und hat anschliessend in der Dorfbeitz getratscht. Oder ging am Sonntag in die Kirche, um die Leute vom Dorf zu treffen. Kam man dann ein ungerades Mal sogar bis Burgdorf, war das ein richtiges Highlight!

Erwachsen und mit einer kleinen Familie war das Emmental zu klein, um beruflich eine Chance zu haben. Wurzeln mussten abgebrochen und ein neues Umfeld aufgebaut werden. Als Zimmermann und später Abwart gearbeitet, ohne Ausbildung. Die Ehefrau zwar eigentlich gelernte Schneiderin, doch mit Kindern in Akkordarbeit zu Hause tätig. Richtig gefreut hat man sich dann immer, mit dem Zelt in die Ferien zu fahren. Selbstverständlich, als man dann einmal auch ein Auto hatte. Vorher ging es ab und zu mit auf eine Sonntagsspritzfahrt mit den Nachbarn. Ein Auto pro Strasse, kann man sich das heute noch vorstellen!? Einkaufen geht man in der Dorfbäckerei und der Dorfmetzg, wo die Kinder immer auch verwöhnt wurden mit einem Einback oder einem Rädchen Wurst.

Der Wandel der Zeit nimmt immer mehr seinen Lauf. Elektrizität, ein Telefon, ein Auto, später auch mal ein Wohnwagen werden zum Alltag. Auch wird man immer mobiler, die Welt fängt an zu reisen. Spitzenmedizin ist so normal wie Farbfernsehen und hochauflösende Sattelitenbilder. In kürzester Zeit wandelt sie sich die Menschheit enorm. Vom kleinen Bauerndasein im Emmental, wo man sich noch gekannt hat zum Jetter in der Welt, welcher kaum mehr seinen Nachbarn kennt, dafür ständig online ist.

Welche Welt besser war, das sei jedem selber zu entscheiden. Meine Bewunderung geht aber wirklich an Leute wie meinen Grossvater, welche diesen ganzen Wandel miterlebt haben. Wenn man ihm wohl als 10-Jährigen gezeigt hätte, wie die Welt 80 Jahre später aussehen wird, hätte er wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Und doch hat er das alles mitgemacht und war beständig am Lernen. Aufgewachsen mit nichts, gelernt hart zu arbeiten, ziemliche Schicksalsschläge eingesteckt. Von der Öllampe zum iPad. Und, vor Allem bei all dem Wandel mitgelernt und das ohne je zu jammern oder ein Burn-out zu kriegen. Vor dieser Generation ziehe ich meinen Hut und gratuliere meinem Grossvater herzlichst zu seinem 90. Geburtstag!

Myosotis alpestris

Regen, Regen, nichts als Regen. Den ganzen Vormittag schien es wie aus Kübeln zu giessen und weit und breit kein Ende in Sicht. Nur trostloses Grau am Himmel. Sie steht schon eine ganze Weile am Fenster, ihr langes braunes gelocktes Haar fällt über ihre Schultern. Der Blick starr in die Ferne gerichtet bewegt sich nur der Brustkorb mit jedem Atemzug. Die Zeit scheint wie stehen geblieben, für sie hat sie in diesem Moment keine Bedeutung.

Eine Träne läuft der Wange nach, erreicht den Gesichtsrand und tropft dann auf den Boden. Wie in Zeitlupe schient sie zu fallen, bis sie auf den Boden klatsch und nicht mehr zu sehen ist. Immer noch reglos steht sie da, in Gedanken versunken. Es kommt ihr immer noch vor als wäre dieser warme Junitag erst gestern gewesen. Sie wischt sich eine weitere Träne ab, bevor diese den Boden erreichen kann.

Kennen gelernt hatten sie sich beim Einkaufen. Sie sieht es noch jetzt vor ihrem inneren Auge und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Kurz vor Ladenschluss, nach getaner Büroarbeit eilte sie in das Einkaufszentrum um noch etwas für das Nachtessen zu besorgen. Im Gedränge stand sie vor den Kühlregalen und konnte sich nicht entscheiden. Und plötzlich, platsch, alles wurde weiss verspritzt. Da hatte doch tatsächlich so ein Depp einen Milchbeutel fallen lassen! Sie war zu müde um sich aufzuregen, schaute auf und blickte in das Gesicht eines Mannes, der starr vor Schreck und etwas hilflos ein „Entschuldigung“ über die Lippen brachte. Drum herum fingen Leute an zu fluchen, ob er denn nicht besser aufpassen könne und die teure Jacke sei nun ruiniert und überhaupt, was ihm eigentlich einfalle! Nach einigen Sekunden, in denen Andrea einfach rings in diesem Gewühl und Geplapper stand, hatte sie die Situation im Griff und als wäre es das normalste der Welt eilte sie fort um gleich darauf mit einem Kessel und einem Wischer die ganze Sauerei zu putzen. Die meisten Leute hatten sich nun wieder ihrem Stresseinkaufen hingegeben und rund ums Milchkühlregal kehrte etwas Ruhe ein. Der Herr in der dunkelbraunen Jacke schaute sie immer noch hilflos, aber auch dankbar an und ohne Worte war die Sache innerhalb kürzester Zeit wieder sauber. Jedenfalls so sauber, wie es in einem Einkaufszentrum sein kann, indem täglich hunderte von Leuten sich mit Waren eindecken.

Zum Dank dass sie ihn nicht auch noch bloss gestellt, sondern wortlos einfach geholfen hatte, wird sie zu einem Kaffe eingeladen. „Es tut mir Leid, dass ich Ihre Hosen bekleckert habe, der Beutel ist mir einfach aus der Hand gerutscht!“ „Ach, das ist schon vergessen, machen Sie sich keine Sorgen, das kann doch jedem Mal passieren!“

Sie unterhielten sich eine Weile über Milch und Verpackungen und die Reaktion der Leute, um dann wieder getrennte Wege zu gehen. Doch dies sollte nicht ein endgültiger Abschied bedeutet haben. 3 Wochen später trafen sie sich wieder auf dem Weg durchs Dorf. „Guten Tag, wie geht es Ihnen? Und sind die Hosen nicht völlig ruiniert?“ „Mir geht es prima und Waschmaschinen sei Dank, den Hosen auch!“ „Hätten Sie Lust auf einen Kaffe?“ Samstagnachmittag bei Sonnenschein und einem guten Kaffe in einer gemütlichen Gartenwirtschaft zu sitzen und den Leuten beim Flanieren zuschauen, was konnte es besseres geben? Sie fingen an, sich über die Leute und deren Leben zu unterhalten. Da gab es den Mann mit der Jeansjacke und dem Tattoo auf dem Hals, der etwas verwahrlost mit seinem Hund herumlungerte. Oder die schicke Dame mit dem adretten rosaroten Hüttchen und der glänzend weissen Lederhandtasche, das junge Pärchen auf dem Bank vis-à-vis, dass sich nicht genug umarmen konnte und der ältere Herr am Stock, der vermutlich mit seinem Grosskind unterwegs war. Eine ganze Weile waren sie daran, den Gestalten Eigenschaften zuzuordnen, ihnen mehr als nur ein Gesicht zu geben, sich ein Leben vorzustellen. Es wurde viel gelacht und die Zeit verging wie im Fluge.

Während sie dann so dasassen meinte er plötzlich, dass es schon komisch sei, wenn man so viel über andere Menschen spräche und einander kaum kenne. „Ich bin Florian.“ „Freut mich, und ich die Andrea.“ Florian fing an zu erzählen, dass er noch nicht allzu lange hier wohnte, seine Freundin hätte ihn verlassen und so sei er hier hin gezogen. Arbeiten tat er nicht unweit weg, Architekt sei sein Beruf. Als Andrea an der Reihe war, begann sie damit, dass sie zwei schwarze Katzen besass und schon seit Kindestagen in diesem Dorf wohne, es hätte sie nie weg gezogen. Seit dem Tod ihrer Eltern sowieso nicht mehr. Hier sei ihre Heimat und sie kenne Dorf und Leute. Angestellt war sie bei der Bank, so Bürokram halt eben. Nichts besonderes, aber es reicht sich ein normales Leben zu finanzieren und ab und zu in die Berge zu fahren. Florian wurde sofort hellhörig, Bergtouren waren seit je her seine Leidenschaft auch er liebte es, stundenlange Wanderungen durch die einsame Natur zu machen. Der Beschluss wurde gefasst, das nächste Mal ist man zusammen unterwegs. Ob es Andrea denn nichts ausmache, wenn er, Florian, noch seinen Retriever mitnehme? Er hatte ihn, seit seiner Trennung und wollte ihn nicht alleine zu Hause lassen! Mit einem Hund gross geworden, war das für sie kein Thema.

Aus der Begegnung im Einkaufscenter entstanden eine Wanderung und dann noch eine und noch eine. Man lernte sich immer besser kennen, verbrachte gerne Zeit zusammen. Aus gemeinsamen Wochenenden wurden Ferien in der Toskana und schlussendlich zog man zusammen. Alles klappte hervorragend. Klar, ab und zu schieden sich die Geister, aber einer der beiden konnte immer wieder einen Schritt vorwärts tun und grosse Streitereien wurden im Keim erstickt.

Es regnet immer noch. Die Tropfen fallen still und leise auf das Fensterbrett. Jede Einzelne wird beim Aufschlagen auseinander gerissen und verschwindet.

Nun ist es einen Monat her. Unter dem Motto „der Weg ist das Ziel, der Gipfel dabei ein schönes Erlebnis“, hatte Florian sich im Dunkeln aufgemacht. Sie noch ganz schlafgetrunken kriegte einen Kuss auf die Stirn. Sie verwünscht diesen Morgen immer noch. Wieso nur hat sie den Termin nicht verschoben, um mit ihm zu gehen? Wieso war sie nicht auch aufgestanden und hat ihn richtig verabschiedet? Die Gedanken kreisen unerträglich. Florian kehrte nie zurück – wahrscheinlich abgestürzt, doch gefunden hat man ihn nie. Er war immer so trittsicher gewesen und das Seil sein bester Freund! Was war nur geschehen an diesem Freitagmorgen?

Man hat ihr geraten trotz Status „Vermisst“ eine kleine Abschiedsfeier auf dem Friedhof zu machen. Reglos steht sie da, genau davor hatte sie sich ein Leben lang gefürchtet. Der Augenblick wird zur Ewigkeit und unerträglich. Der Schmerz lähmend in den Knochen kann sie sich nicht weiter bewegen. Warum nur? Antwort gibt es keine, die Stille eine Qual. Erinnerungen an kleine Streitereien kommen auf. Abwaschen wäre nun kein Muss mehr und auch das Zusammensammeln der Socken kein Thema. Vorbei, solche Gedanken bringen doch nichts! All die gutgemeinten Worte über das Vergessen. Wie sollte sie vergessen, was erst noch gerade noch ihr Leben war?

Die Feier ist eine Tortur. All diese Menschen, sie kann es nicht ertragen. Worte, die sie nicht hören will, Ratschläge, welche sie verletzen, sie möchte einfach alleine sein. Seine Eltern, auch sie leiden. Der Vater, still sitzt er da und erträgt die bedrückte Stimmung. Der Verlust tut allen weh. Dazu dieses Unbehagen, was war nur passiert? Etliche Stunden hatte sie gewartet mit Pasta und Reibkäse, es war Florians Leibspeise und sie wollte ihn mit Kerzenlicht empfangen und ihm die erfreuliche Neuigkeit mitteilen. Dazu kam es nicht mehr.

„Nein, ich komme zurecht, Danke. Ja, das ist lieb. Wir sehen uns. Es geht schon“. Als alle gegangen sind, schiessen Tränen in die Augen. Sie fühlt sich alleine, ihr Leben kommt ihr plötzlich ganz sinnlos vor. Lange steht sie noch da, betrachtet das kleine Häufchen frisch aufgeschaufelte Erde und die vielen Blumen. Es waren viele Leute da gewesen. Florian war ein geselliger Mensch, man hatte ihn gerne um sich gehabt. Alles ist nass vom Regen und sie friert schon lange. Schliesslich kann sie sich doch aufraffen, und macht sich auf den Heimweg.

Die Tage vergehen, der Schmerz jedoch nicht. Das Alleinsein ist bedrückend, die ungelösten Fragen quälend. Ein kleiner Gedanke wird zu einem immer grösser werdenden Wunsch, sie muss diesen Berg erklimmen und ihn suchen. Er muss da draussen sein! Der erste Teil des Weges ist ein schöner Wanderweg. Sie betrachtet die Wurzeln, atmet den Kiefernduft ein und pflückt sich ein Vergissmeinnicht. Dieses kleine Blümlein hatte sie damals auf der ersten Wanderung von ihm ins Haar gesteckt bekommen. Sie betrachtet die Blüte und es kommen Erinnerungen hoch. Schnell läuft sie weiter. Nach ein paar Stunden erreicht sie die Hütte. Zum Glück ist niemand hier, sie hatte so gehofft, niemanden erklären zu müssen, was sie vorhat. Florian, er muss irgendwo da oben sein!

Die blau-weisse Route steigt an, bald ist kein Weg mehr sichtbar, das Gelände wird exponierter und steiniger. Immer häufiger muss sie sich mit den Händen an den Felsen hochziehen. Ganz ruhig und sicher sind ihre Tritte, so waren sie etliche Male zusammen unterwegs. Ab und zu sichert sie sich an einem Bohrhacken. Sie kommt gut voran. Eine kleine Felsnase bereitet ihr ein bisschen Schwierigkeiten. Tapfer schaut sie nach Oben und zieht sich hoch. An solchen Stellen hat er sie immer gesichert und ihr bei der Trittsuche geholfen und gezeigt, wo sie sich hochziehen kann. Die Hände sind zwar schon etwas aufgescheuert vom rauhen Fels, doch sie spürt den Schmerz nicht. Ihre Augen suchen immer wieder die blau-weisse Markierung, die sie unermüdlich verfolgt. Meter um Meter steigt sie hinauf. Ein einziges Mal rutscht sie mit den Füssen im losen Geröll ab, ein kurzer Schreck und etwas zittrig bleibt sie stehen. Doch der Wille ist stärker als die Angst.

Die Sonne scheint ihr warm ins Gesicht, als sie das Gipfelkreuz erreicht. Sie setzt sich hin, ist überwältigt vom Panorama, wenn doch nur Florian an ihrer Seite wäre! Es hatte immer so Spass gemacht, mit ihm einen Gipfelsieg zu geniessen, sich mit ihm hinzusetzen und über die Namen der Bergspitzen zu rätseln. Er hatte auch immer eine kleine Überraschung zur Hand – ein kleines Stückchen edle Schokolade oder ein Fläschchen Rotwein. Sie blickt den Berg hinunter, wenn er doch nur um den nächsten Felsen käme, um sie mit seinem herzlichen Lachen zu empfangen. Doch sie bleibt alleine, es ist still bis auf die Postautosirene weit unten im Tal, die von Zeit zu Zeit ertönt. Langsam öffnet sie den Bügel der kleinen Schatulle am Kreuz, nimmt das Gipfelbuch zur Hand und blättert mit zittrigen Fingern zurück. Ohne das Datum oben an der Seite auch nur zu lesen erkennt sie das Bild auf Anhieb – Myosotis alpestris, das Alpen-Vergissmeinnicht! Die geschwungenen Striche sind unverkennbar. Tränen schiessen ihr in die Augen, nein, sie wird ihn nie vergessen! Florian, was sollen wir nur tun ohne Dich!?

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Wie er diese Weihnachtszeit hasst, den ewigen Stress mal ausgeschlossen, kann er den ganzen Rummel um den einen Tag im Jahr einfach nicht verstehen. Schon Wochen im Voraus geschmückte Schaufenster, Weihnachtskugeln, Glitter und Geschenke, Kitsch wohin das Auge reicht. Engel neben Renntieren und Weihnachtsmännern, rote Kugeln neben glänzenden Weihnachtssternen und drum herum Leute, die sich mit den Ellbogen durch das Gewühle drängen, immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ihr Geld für irgendwelchen Blödsinn auszugeben, den sie dann in ein Papier einwickeln, welches kurze Zeit später sowieso von einem ungeduldigen Kind zerrissen wird. Die Freude dann kurz weilt an dem Gut, und schon sehnt man sich nach der nächsten Weihnachtszeit, wenn etwas neues sich im Papier versteckt. Der Stress, dieser Kaufrausch und dann die ewig gleichbleibenden Weihnachtslieder, er kann einfach nichts damit anfangen.

Weihnachtszeit du Schöne und Besinnliche, wo bleibst du?

Wusste eigentlich noch jemand, dass Weihnachten nicht das Fest des Kaufrausches ist? Die Bedeutung dieses Festes hatte arg abgenommen.

Während er sich so durch die Menschenmengen quält – wo kommen nur diese vielen Leute immer her? – versucht er sich einen Blick auf die Gestelle zu erhaschen. Ein gutes Stück Fleisch und etwas Gemüse für das Weihnachtsfest, für SEIN Weihnachtsfest, das erhoffte er sich dabei. Nichts Grosses soll es sein und etwas Apfelstrudel zum Nachtisch.

Diese Schlangen vor den Kassen und vollgepackte Einkaufswagen überall. Er machte sich auf eine längere Zeit des Wartens gefasst.

Zurück in den Strassen, vorbei an Leuchtreklamen und Lampengirlanden erreicht ein ihm sehr wohlbekannter Duft die Nase. Zimt, er erinnert sich an die warme Stube indem der Holzofen immer leise vor sich hin gebrutzelt hat, der Vater mit einer Pfeife rauchend im Ohrensessel sass, die Grossmutter und die Mutter am Tisch Weihnachtsgebäck ausgestochen haben und er selbst stolz einen selbstgemachten Stern in der Hand, immer auch etwas von dem süssen Zimtteig vernascht hatte. Kerzenduft und draussen der Schnee – Weihnachten zu Hause, eine Träne die ihm über die Wangen läuft, wischt er energisch ab. Nein, er hasst Weihnachten und das soll auch so bleiben. Die Habgier der Menschen, die sich besonders im Dezember wieder ins Unermessliche entfalten kann, das Ganze „so tun als, ob alles in bester Ordnung wäre“ unter dem Tannenbaum, das Geheuchel und Getratsche, so dass man dann schon nach Abreise der Verwandten sich das Maul über diese aufreissen kann, dieser Zirkus Jahr für Jahr, er war froh, für sich alleine feiern zu können. Still und mit einem guten Film im Kasten, ohne Baum und dem ganzen Schnickschnack und Klimbim dazu. Weder eine Krippe, noch irgendwelche Engel, nur er, ein gutes Nachtessen mit einem Tropfen Rotwein und etwas Unterhaltung aus dem Fernsehapparat und Fridolin sein treuer Hund zur Seite.

Das war nicht immer so, Weihnachten zu Hause war ihm immer sehr lieb gewesen, er freute sich sogar darauf. Bis damals, als er seine Freundin mit nach Hause brachte. Von Anfang an lief alles schief. Nicht nur, dass er ihr teures Kleid mit Rotwein befleckte, auch seine Familie benahm sich völlig daneben. Fragen über ihre Eltern und deren Beruf, missbilligende Blicke, weil diese scheinbar nicht in die rechte Gesellschaft gehörten, ein versalzener Braten und ein Familienkrach, weil die Eltern nicht derselben Meinung waren über die Zukunft ihres Sohnes und wen er nun als Frau verdient hat und wen nicht. Es endete in einem Gezanke und Geschrei, er hilflos dazwischen versuchte die Situation zu entspannen. Alles in allem war es ihm so peinlich, sie verliessen das Fest vorzeitig. Die Freundschaft ging kurze Zeit später dann auch noch in die Brüche. Er beschloss, von nun an Weihnachten alleine zu verbringen.

Die Nachrichten berichten von Sturmböen in den Bergen und Krieg im Osten, nichts Aussergewöhnliches und Schnee solle es geben im Verlaufe der Nacht. Die folgende Dokumentarsendung handelt von einer Frau, welche behauptet, ihrem Schutzengel begegnet zu sein. Ha, Engel, in welchem Jahrhundert leben wir denn eigentlich, dass man solch einen Quatsch den Leuten vor dem Fernseher noch getraut vorzusetzen!?

Engel, ob mit oder ohne Flügel, als rational denkender Mensch kann er solche Gestalten nicht in sein Weltbild einfügen. Etwas das nicht lebt, aber dennoch als handelndes Wesen existiert, wie soll das möglich sein? Nein, an Engel, Geister und andere solche Einbildungen glaubt er nun definitiv nicht! Aber es ist amüsant, was diese Frau alles behauptet und eine Zeitlang unterhält er sich köstlich. Bis dann der Spielfilm beginnt und er umschaltet.

Kurz vor Mitternacht, dem Gähnen ein Ende setzen zu wollen, steht er auf, zieht seine Schuhe an, der Hund schon um ihn herum tänzelnd. Ja, du bist ein Braver, und nachher kriegst du dann noch dein Weihnachtsknochen. Sie begeben sich auf den allabendlichen Spaziergang. Der Hund 20 Meter vor sich, schlarpt er müde die Strasse herunter. Fridolin, nun warte doch! Dieser schon um die nächste Ecke, schliesslich kennt er den Weg. Seine Gedanken kreisen, süsser Honigwein, wieso nur kommt ihm dieses Wort nicht in den Sinn? Und dann griechische Gottheit des Feuers mit 10 Buchstaben…

Ein Schrei zerreist die Nacht, nur kurz, aber er ist sofort hellwach und wie selbstverständlich eilt er in die Richtung, in der er den Ursprung des Lautes vermutet. Drei Männer schlagen wie verrückt auf einen Jugendlichen ein. Er greift sofort ein, schlägt gekonnt auf des einen Arm, der Junge kann entwischen und läuft so schnell er kann in Richtung Stadt. Ein unerbittlicher Kampf setzt sich fort, nur dass er nun das Opfer ist. Er schafft es dem Einen den Schlagstock zu entreissen und beginnt sich wie wild zu wehren, schon steht ihm Fridolin tapfer zur Stelle. Ein Stich, ein grosser Schmerz, langsam sinkt er zu Boden. Beim Erklingen der Sirenen sind die Schläger schon um alle Ecken verschwunden. Da liegt er nun, reglos, sein treuer Kumpel neben sich. Er, der nie an Engel glaubte, ist nun selbst zu einem geworden. Schnee fällt sanft zu Boden und bedeckt ihn.

Une petite surprize…

Drei, vier Monate muss es her sein, mitten im Sommer jedenfalls. Genau wie heute bin ich damals durch die Nidaugasse in Biel gegangen. Er hat mich sofort in den Bann gezogen. Obwohl er wahrscheinlich tonnenweise Sorgen in seinem Leben zu tragen hat, bei Wind und Wetter in dieser Strasse stehen und die Zeitung an nichtkaufwillige fremde Leute bringen muss, sah man ihm dies nicht im Geringsten an. Im Gegenteil, mit seinem fröhlichen Charme hat es der schwarze Surprize-Verkäufer nämlich geschafft, reihenweise Passanten in ein Gespräch zu verwickeln und ihnen sein Lachen weiter zu geben. So auch mir, seine Fröhlichkeit hat mich sofort angesteckt und es wurde mir in dem Moment wieder mal bewusst, wie gut ich es eigentlich habe. Und weil ich wusste, dass ich die Zeitung wahrscheinlich nie lesen werde, bin ich ihn das nächste Geschäft gegangen, um in meinem Portemonnaie einen Fünfliber zu suchen. Diesen hab ich ihm dann draussen in die Hand gedrückt mit den Worten, dass die Arbeitswelt um einiges schöner wäre, wenn alle Menschen ihren Job mit so einem Elan, so viel Freude und solch einem lieben Lachen machen würden. Er hat sich mehrmals bedankt und sein Lachen wurde noch etwas grösser.

November, ein trister Regentag. Mit Blick auf meinem Natel vernehme ich im Rücken ein „suprize Madam“. Mehr reflexartig als bewusst drehe ich mich um, um meine Standardantwort „nein, danke“ zu geben. Ich schaue direkt in ein lachendes Gesicht, welches mich schneller erkennt als ich es und über beide Ohren zu strahlen beginnt. Er zeigt mit dem Finger auf mich und meint: „hab ich nicht vergessen!“