Genau das ist wohl das, was einem in den Sinn kommt, wenn man das Wort Tessin hört. Sicher nicht zu Unrecht, tatsächlich ist es hier ziemlich oft sonnig und warm, der Frühling wärmt schon etwas früher die Natur auf und der Herbst dauert noch etwas länger als nördlich des Gotthards. Das mag jetzt etwas kurios tönen, aber, Sonne hin oder her, ich mag die Regentage hier in Bellinzona einfach wahnsinnig gerne. Denn, während es im Seeland regnet, hat man über sich ein grauer, langweiliger Deckel. Hier jedoch scheint der Himmel sich zu senken. Graue, grosse, dicke, wulstige Wolken hängen an den Bergen, welche uns von allen Seiten umgeben. Die Wolkenschwaden hängen so tief, dass man jeweils nur die Hälfte der Stadt sieht, die andere Hälfte verschwindet gänzlich in ihnen. Weder der Pizzo Claro noch andere Berge scheinen noch zu existieren. Dasselbe gilt für Sasso Corbaro während der tiefer gelegene grössere Bruder der Burg, Montebello, mystisch von Wolkenschleiern umgeben ist. Diese Bellinzona-Regentag-Stimmung ist einfach einzigartig. Man könnte tausend schöne, geheimnisvolle Fotographien machen und dabei vergessen, dass man gerade patschnass wird dabei.
Solch ein wunderbarer Regentag war heute. An einem Morgen wie diesen lass ich jeweils mein Fahrrad zu Hause stehen, schnappe meinen Schirm und gehe gut gelaunt zu Fuss zur Arbeit. Während meines Weges bewundere ich die Wolken, entdecke, was es noch zu sehen gibt und was nicht mehr hier zu sein scheint. Überlege mir, wie Bellinzona ohne Berge wäre oder ob es noch als Stadt gelten würde mit all den fehlenden Häusern. Dabei bestaune ich auch die Wolkenschleier, welche am umherziehen sind und mal hier, mal dort sich etwas lichten und ein paar Häuser wieder zum Vorschein bringen oder eine Kirche plötzlich am gewohnten Platz am Hang steht.
Dann ist da aber noch was anderes tolles an solch einem Wintertag. Man weiss nämlich nie, was sich in den Wolken abspielt. So ist deren Verschwinden immer etwas wie eine mit Spannung zu erwartende Überraschung. Oft geschieht dies erst am nächsten Morgen, heute war es schon am Abend soweit. Beim Verlassen der Arbeit war der Himmel praktisch wolkenfrei, ein paar Sterne glitzerten schon, die Luft war wunderbar rein gewaschen. Und als mein Blick dann zum Pizzo Claro hoch ging, da war es wieder mal soweit – erstens stand er wieder da wo immer, zurückgekehrt ins Panorama! Zweitens aber nun auch wunderbar verschneit präsentiert er sich in einem neuen Kleid. Solche Verwandlungen geschehen nicht nur im Winter, sondern ebenso auch nach einem heissen Frühlings-oder Herbsttag. Nachem Räge schiint d’Sunne… und der Rest ist eben Überraschung!