Wenn man es mit dem Leben zu tun hat

Manchmal, da habe ich Angst. Angst davor nach Hause zu gehen. Angst, weil ich nicht weiss, ob und wen ich dort antreffen werde. Und dies vor allem dann, wenn seltsame Dinge geschehen, Sachen, welche ich rational nicht mehr erklären kann. Und eigentlich nur deshalb, weil ich auf meinem bisherigen Weg gelernt habe, dass die Willkür und die Unberechenbarkeit mancher Menschen grenzenlos ist. Und dann fängt mein Hirn plötzlich an, irrationale Ängste hervor zu rufen.

Mitten in einem meeting spüre ich das Vibrieren des Telephons. Später, als wir fertig sind, schaue ich darauf – ein Anruf, per whatsup. Von meinem Abwart. Wenn er es überhaupt noch ist, denn kürzlich war da eine andere Person zuständig. Aber halt mal, das Profilbild. Diese Schwarzweisszeichnung, das bin ja ich! Das ist exakt mein jetziges Profilbild, aber nicht als Foto, sondern gezeichnet, wie eine Bleistiftzeichnung. Was soll das? Spinnt mein Natel wieder und produziert komische Sachen? Aber nein, meine Kollegin, als sie ihn ins Adressbuch aufnimmt, sieht das genau gleiche Bild. Ich hab ein Dejà-vue, ein ziemlich Reales.

Ein paar Monate zurück. Auf einer wunderschönen Bergtour im Tessin treffen wir bei schönstem Sonnenschein auf einem Gipfel, etwas versteckt in den Steinen, einen kleinen Schneemann aus frischem Herbstschnee. Ich hatte so viel Freude an ihm und dass er dort in den Steinen noch nicht der Sonne zum Opfer gefallen ist, dass sein Foto zu meinem Profilbild in Whatsup wurde. Einige Wochen später ein Anruf, auch damals mittels whatsup. Unbekannte Nummer. Doch, auch auch schon da, exakt mein Schneemannfoto ist auch sein Profilbild, damals jedoch nicht als Zeichnung. Das ist nicht möglich, er kann nicht exakt das gleiche Foto geschossen haben und den exakt genau gleichen Ausschnitt gewählt haben wie ich! Zumal ich auch nicht glaube, dass dieser Schneemann von so vielen Leuten entdeckt wurde. Aber wie kommt er an mein Bild? Laut Einstellungen sollte das niemand sehen können, der mir unbekannt ist. Ein Freund hat auch damals die Nummer dann in sein Adressbuch aufgenommen und bestätigt, das Profilbild ist das Selbe, daraufhin sogar angerufen und eine italienisch sprechende Person am Apparat gehabt. Wie das alles möglich war, weiss ich bis heute nicht.

Aber, genau wie heute, habe ich es auch damals mit der Angst zu tun gekriegt. Meine Logik stiess an ihre Grenzen und die irrationalen Gedanken haben sich angefangen zu verbreiten. Nicht ganz grundlos. Da ist noch eine offene Rechnung, eine offene Rechnung über Jahre schon mit einem Menschen, dessen Lebensaufgabe ist, andere grundlos zu schädigen und mit Freude sie kaputt zu machen und zwar ziemlich wahllos. Ich kenne seine Unberechenbarkeit nur zu gut und obwohl ich diese Geschichte längst abgegeben und so auch etwas vergessen habe, lauert sie halt doch irgendwo im Hinterkopf. Und genau dann, wenn Dinge geschehen, welche suspekt sind, kommt sie wieder zum Vorschein. Und ich spüre die Angst vor menschlichem Verhalten, wenn Vernunft keine Chance mehr hat. Bin mir bewusst, dass ich einmal genau vor dieser Unvernunft stehen könnte, dieser Speziellen oder eben der Unvernunft ganz anderer Leute. Und genau dann gehe ich nicht mehr mit Leichtsinn durch die Strassen, sondern ziemlich gefasst. Nehme plötzlich war, wer sonst noch so um mich herum ist und meine Gedanken sind nicht mehr irgendwo am herumflattern, sondern genau da auf der Strasse, wo auch ich bin. Und, es sind auch die Momente, wo ich einfach am Liebsten nicht nach Hause gehen würde, sondern weit weg nach oben in die Bergen, fernab von komischen, unmöglichen und unvernünftigen Spinnern. Dorthin, wo ich mich zu Hause und deshalb auch sicher fühle. Denn, auch wenn diese beiden unerklärlichen Situationen das Resultat irgendwelcher oberkomischen technischen Fehler sind und sowieso nur Zufälle, die seltsamen und auch mutwillig bösartigen Menschen gibt es leider trotzdem und man weiss nie, wann man ihnen begegnet.

La giornata mondiale del bacio

Prinzipiell kann man ja jeden Tag etwas Neues lernen, vorausgesetzt natürlich man möchte das. Manchmal jedoch brauch ich etwas länger, um gewisse Sachen zu verstehen. Der internationale Tag des Kusses. Also wie bitteschön? Als ich das lese, stehe ich mehr vor einem Rätsel, als dass ich begreifen würde, was das nun bedeutet, internationaler Kusstag. Heisst das, man küsst heute seinen Partner einmal mehr als nur beim obligaten „Auf-Wiedersehen-bis-später-Schatz-Kuss“? Oder meint dies, heute ist es erlaubt, irgendeine Person auf der Strasse zu küssen, wenn man dazu gerade Lust und Laune hat? Oder werden heute Rekorde im Küssen aufgestellt? Neue Kussvarianten ausprobiert? Ist das ein Tag für Pärchen oder haben da Singles auch was davon? Küsst man sich heute durch alle Frösche durch, bis man DEN Prinzen gefunden hat?

Genau, eigentlich geht’s mir gar nicht um den Tag des Kusses im Speziellen. Es gibt nämlich auch den internationalen Tag der Familie, der internationale Tag der Artenvielfalt, der internationale Tag der alten Menschen, der internationale Tag der Pressefreiheit, der internationale Tag des Glücks, der Weltmusiktag und so weiter und so fort. Tagtäglich wird da also einer bestimmte Sache global gedacht, sie geehrt und gefeiert. Und bei all dem frag ich mich halt, ob nicht Lewis Carrolls Alice vielleicht etwas weiser war, obwohl diese Geschichte vor fast schon 150 Jahre geschrieben wurde. Da wird nämlich postuliert, statt einmal im Jahr Geburtstag, doch 364 Tage im Jahr den Nichtgeburtstag zu feiern.

Würde unsere eigene kleine Welt vielleicht ein wenig charmanter werden, wenn wir statt einmal im Jahr einen riesen Blumenstrauss zu schenken, öfters mal die Eltern mit einer Sonnenblume überraschen würden? Wenn man sich mal wieder bewusst Zeit nimmt, um einem Menschen zuzuhören, dem es gerade nicht so gut geht? Wenn wir den Nachbarn ein selbstgebackenes Muffin überbringen und ein bisschen mit ihnen schwatzen? Oder, wenn man seinen liebsten Freunden eine Postkarte von Hand schreibt, um sie wissen zu lassen, wie sehr man sie im eigenen Leben schätzt und wie gerne man sie hat? Man sich die Zeit nimmt, einen krebskranken Menschen zu besuchen, um mit ihm einen Tag zu verbringen und ihm vielleicht einen kleinen Traum erfüllt? Oder einfach einem Menschen einen Fehler verzeiht ohne sich mehr darüber zu ärgern? Einem Kind die Hand hin streckt und sich seine Sicht der Welt anhört? Oder eben, wenn man einen lieben Menschen mal nicht nur flüchtig, sondern wieder mal innig umarmt und in mit voller Inbrunst küsst? Und für all das braucht es eigentlich weder einen festgelegten Tag, noch Globalität, sondern nur die eigene Phantasie und Kreativität. Es leben die internationalen Tage der spontanen und herzlichen Menschlichkeit!

Fahrt durchs Sommergewitter

Noch nicht lange her, da ist eine Postkarte ins Haus geflattert, auf welcher auf der Vorderseite ganz gross geschrieben steht: „Life isn’t about waiting for the storm to pass. It’s about learning how to dance in the rain“. Dieser Spruch hat ganz klar etwas Tiefgang und man könnte ihn an dieser Stelle auseinandernehmen und interpretieren. Man kann ihn aber auch Wort für Wort nehmen und das habe ich heute praktisch fast gemacht. Leisen Gerüchten wegen, dass es am Dienstag wieder mal etwas regnen soll, habe ich heute, an diesem besagten Dienstag, beim Morgenessen das Meteoapp studiert. Tatsächlich, Regen ist angesagt, aber erst um 18 Uhr. Exakt genau zu dieser Zeit, wo ich das Büro verlassen möchte, um in den Fitnesskurs zu fahren. Mit dem Fahrrad versteht sich, in diesem Bezug bin ich noch weit weg, Tessinerin zu werden. Der Prognosen und vor Allem aber dem da schon sehr tief grau hängendem Himmel wegen, pack ich meine Regenhose und die Jacke ein. Im Verlauf des Tages hellt sich das Wetter jedoch auf und als ich vom Mittagessen zurückkomme, ist es ziemlich warm und sonnig und ich denke mir in diesem Moment, dass meine mitgebrachte Regenmontur doch etwas übertrieben ist. Diese Gedanken werden noch unterstützt von den Erfahrungen der letzten Zeit in Sachen Wetterhervorsagen, meist war es schlussendlich immer um einiges besser als gemeldet.

Die letzte halbe Stunde meines Arbeitstages verbringe ich im Büro und trotz Dachfenster merk ich, dass es zunehmend dunkler wird. Mir schwant übles. Und tatsächlich, fast pünktlich auf den sechs Uhr Glockenschlag fängt es an, riesige Tropfen auf das Dachfenster zu prasseln. Und riesige Tropfen heisst meist, dass dies nur der harmlose Anfang ist. Und so fahr ich schlussendlich in einem warmen, aber heftigen Sommergewitter zu meinem Kurs. Und statt mich aufzuregen, erinnere ich mich an den Spruch auf der Postkarte und fange an zu Lachen und die Fahrt einfach zu geniessen, mitten durch jede Pfütze. Patschnass komm ich an und beim Hinaufgehen der Treppe begegne ich Sam, unserem Trainer, der mich etwas sprachlos und mit grossen Augen anschaut und wohl dabei denkt, die Spinnen die Deutschschweizer! Spätestens wenn er dieselbe Postkarte kriegt wie ich, wird er mich sicher verstehen können!

Von kleinen und grossen Kindern und wie man selber ständig dazu lernen kann

Nach einem ungeplant verregneten Samstagnachmittag, aber nicht weniger gemütlich bei Kaffee und Schwatz, beschlossen wir, als das Wasser endlich nur noch tropfweise statt in Bindfäden vom Himmel kam, noch etwas die Beine zu vertreten. Schon da wohl hatte das ganze Problem seinen Lauf genommen. Die kleine Dreijährige fand den Vorschlag vom Spazieren gehen gerade alles andere als toll. Spielen mit dem neu gefundenen Kamerädli auf dem Zeltplatz wäre ziemlich fägig gewesen, spazieren mit Erwachsenen, und dann auch noch ohne Velo, eher nicht so. Manchmal gibt es jedoch keine andere Wahl als zu gehorchen, vor Allem, wenn es drei zu eins ist. Doch, der Widerstand gab nicht einfach so auf. Schnell kam die Idee vom Huckepack und so liess sich der Papa darauf ein, aber ganz klar, auf die Schultern solls erst beim Schild da Vorne gehen. Sie meinte hingegen, beim Stein sei es angemessen, was notabene nur ein paar Meter näher bei uns war. Aber es ging schlicht ums Prinzip. Darauf entgegnete der Papa, der Deal sei das Schild und begann, ohne weitere Diskussionen zu führen, auf dieses zuzugehen. Es kam, wie es kommen musste. Es fing mit weinen an und artete in ein riesiges Geschrei aus. Unstoppbar für sicher eine halbe Stunde. Sie liess sich durch nichts mehr beruhigen und war einfach so richtig am Toben. Sie war so ausser sich, dass nicht mal mehr das Spüren einer Umarmung was gebracht hat, völlig vom Boden abgehoben, total in den Tränen und am Schreien, was die Stimme hergab. Einer der Momente, wo ich froh war, keine Mutter zu sein. Aber wahrscheinlich kriegt man die Nerven dazu bei der Geburt mitgeschenkt. Eine Vater-Tochter Konversation half dann schlussendlich doch noch zur Beruhigung und bald schon war alles vergessen und nun war es die Kleine, welche noch weiter spazieren wollte.

Später diskutierten wir zu Dritt, was wohl die beste Lösung in diesem Moment gewesen wäre. Hätte man nachgeben sollen? Wäre der Schlüssel zum Erfolg der gewesen, mit ihr eine Diskussion zu führen, wo beide ihre Standpunkte vertreten hätten? Sollte das Kind ab und zu auch Recht bekommen? Oder sollte man sich einfach in einem Kompromiss finden? Es ist nicht leicht, Eltern zu sein und immer den richtigen Weg zu finden und diesen zu gehen. Da ist manchmal guter Rat teuer.

– Szenewechsel –

Nachdem ich die Aufgabe schon mal mit ihm durchgekaut haben und auf Widerstand gestossen bin diesen task schnellst möglich in die Agenda aufzunehmen, habe ich mich eines kleines Umweges entschieden, seine Naivität mit einem kleinen Trick ausgenutzt. Eine stupide Frage vor dem Chef und dann war klar, dass die Aufgabe einen Dringlichkeitswert hat und geplant werden muss, subito. Doch hier nahmen die Dinge wohl auch schon ihren Lauf. Montagmorgen. Die besagte Aufgabe wird zu meinem Erstaunen schon heute in Angriff genommen. Der Weg des geringsten Widerstandes führt dennoch über ein wenig Extraarbeit. Statt das bisher vorhandene Material zu gebrauchen und zu messen, wird sogar neues Material gesammelt und die Konzentration bestimmt. Aber, leider Fehlschlag, Konzentration zu tief. Zurück zum alten Material. Da fehlt die Konzentration aber eben auch. Die Aussage, dass diese irgendwann mal gemessen wurde und sicher genau von diesem noch vorhandene Material ist, stösst bei mir auf taube Ohren. Der Satz mit dem Inhalt, ich denke, geht einfach nicht. Ich bleibe hart, so lange es nicht auf dem tube steht, machen wir keine ich-glaube-Wissenschaft, wir produzieren Fakten. Nicht nur, dass das Widerholen der Messung Zeit kostet, was ich nicht weiss und erst später erfahre, dass er den Nachmittag als frei geplant hat. Was wohl aber schlussendlich massgeblich dazu führt, dass eine Kleinigkeit in eine Diskussion ausartet. Dabei bleibe ich bei meiner Meinung und mache ihm klar, dass er das Experiment ansetzen und diese Messung später nachholen kann und ihm zusätzlich sogar noch anbiete, sie sogar für ihn durchzuführen. Er trotzt aber, und schlussendlich läuft er unter ziemlichem Gefluche davon, quasi mitten aus der Diskussion.

– Szenewechsel –

Später sitze ich mehr oder weniger frustriert an meiner Arbeit, ein Moment, wo ich Zeit zum Denken habe. Es geht mir vieles durch den Kopf. Wieso kann ich nicht einfach in Frieden und glücklich mein Projekt haben, ohne unmotivierte Leute zu führen. Wieso werde ich in diese Rolle gezwängt, die mir so etwas von nicht liegt. Ich bin kein Alphatier, führe nicht gerne, fühle mich nicht wohl, wenn ich was bestimmt sagen muss und, ich bin einfach mündlich nicht immer gleich mit den besten Gedanken und Sätzen ausgerüstet um genau jetzt zu reagieren. Ich brauche Zeit zum Überlegen und mir Gedanken zu machen und bin für genau solche Debatten zu wenig gewappnet. In Mitten dieser Gedanken besinn ich mich aber dann, dass auch ich meine Hürden habe im Berufsalltag, Hindernisse, welche ich meistern muss, und dass dies gerade Eines davon ist. Dass ich die Aufgabe angenommen habe und nun genau davor stehe. Dass die Lösung nicht ist, davon zu rennen, sondern sich ihr zu stellen und sich damit zu beschäftigen. Und auch, dass ich gewöhnlich nicht einfach aufgebe, wenn es nicht gerade weiter geht. Ja, es stimmt, ich habe einen Befehl erteilt, aber, ich habe es in einem netten Tonfall und erklärend gemacht und, ich habe sogar noch meine Hilfe angeboten, welche strikte abgelehnt wurde. Wieso kam es dann trotzdem zu solch einer heftigen Reaktion, welche schlussendlich mich getroffen hat? Und, wieso lief er mir einfach davon, mitten aus der Diskussion, was einfach keine Lösung für irgend ein Problem ist? Was muss ich das nächste Mal anders machen, damit der Frust beidseitig nicht mehr aufkommt?

Plötzlich kommt mir das tobende Mädchen in den Sinn. Irgendwie hat sich trotz 30 Jahren Altersunterschied zwischen den Beiden, gerade eine ähnliche Situation abgespielt. Beide konnten ihren Willen nicht durchsetzen und beide haben sich deshalb lauthals gewehrt und geweigert, in eine gemeinsame Richtung zu gehen. Aber, im Gegensatz zum Mädchen, mit dem man schlussendlich dann diskutieren konnte, das mich am Ende des Tages herzlich und fest zum Abschied umarmt hat und dadurch alles hat vergessen lassen, ist er mir aus dem Weg gegangen, nach dem Mittag einfach wortlos verschwunden, garantiert meiner Anweisung nicht gefolgt und ich habe mich durch die ganze Situation frusten lassen. Kleine Kinder kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen. Wie man sich am Besten verhält, wenn die Grossen am Trotzen und Toben sind, damit sie sich schnell beruhigen, das Ganze einen anderen Verlauf nimmt und man als Gewinner die Situation in den Griff kriegt, ist mir noch ein Rätsel. Es wird mir wohl in der nächsten Zeit noch so einiges abverlangen, indem ich an mir selber arbeiten muss und dadurch wachsen kann.

Ein Hauch von Sommerferien

…verschlafen, aber nicht als Einzige; das allererste Mal ein Hirsch gesehen und erst noch ein Jungtier; ein wunderschöner Wanderweg mit Blick auf sopra und sotto erwandert; Sonne getankt während Stunden; gwundrigen Geissen begegnet; den frische Wind auf der Hüttenterrasse auf der Haut gespürt; immer noch mit der Freude vom ersten Tag die neuen Schuhe eingelaufen; mal wieder tausende von wunderschönen Steinen beinahe aufgelesen; glücklich entdeckt, dass Fitness auf gewohntem Level zurück ist und work life balance deshalb wieder stimmt; schnatternde Frauen in den Blumen mit Kopfschütteln zugeschaut; interessante Konversationen in drei Sprachen geführt; den Klang von Kuhglocken aus der Ferne wahrgenommen; einer tobenden Tessinerin mit Mitleid für den danebenstehenden Mann entflohen; verschiedenen Vegetationen begegnet; voller Erstaunen und Stolz das Finsteraarhorn erkannt und dann noch ganz viele andere Berner dazu; selfie mit der Spiegelreflex am Boden liegend gemacht und dabei herzlich gelacht; einem fremden Hund mit lustigen Federohren zu trinken gegeben; mit Wonne dem Tessinerdialekt gelauscht; wunderbare wilde Lilien entdeckt; Kombination Kaffee und Bier kennen gelernt, ein feines Apéro vom mercato genossen; Gäste bewirtet, welche sich über zu viel gegessen beklagt haben; ein herrliches Dessert geschenkt bekommen – und nun mit einem Glas Weisswein den Abend ausklingen und ein unvergessliches Wochenende mit tollen Freunden revue passieren lassen. Com’è meravigliosa la vita quando dimentichi che sia weekend e ti senti in vacanza!

Es gibt…

…Donnerstage, die fangen als hundsgewöhnliche oder sogar etwas traurige Donnerstage an und entwickeln sich im Laufe des Tages, und trotz Arbeitsalltag, zu einem supercoolen Donnerstag! Und dies weil es so viele verschiedene Menschen fertig bringen, trotz ins Gesicht geschriebenen Sorgen und Tränen in den Augen, einen einfach ein Lachen auf die Lippen zu zaubern! Und dann ist ein absolut normaler Donnerstag urplötzlich ein wunderschöner Tag im Leben!

Tagträume in Bern

Bern kann sich nicht Grossstadt nennen und doch gibt es da einfach unendlich viel zu sehen, riechen und hören. Angefangen schon bei der Ankunft im Bahnhof. Zum Beispiel das wohl ewig faszinierende Schaufenster von Caran D’Ache mit den Bären, die sich bewegen. Oder die für mich immer noch gewöhnungsbedürftige neue Anzeigetafel, welche nun leider digital die Abfahrtszeiten ankündigt und nicht mehr Ziffern und Buchstaben unter Rattern rotieren lässt. Oder der dunkelhäutige Suprizeverkäufer mit der Schweizerfahne, welcher einen immer anlächelt, als würde man sich kennen. Der Duft verschiedenster Parfüms am Loebegge, dort, wo man sich trifft, trifft man sich in Bern. Der Klang des Alphorns auf dem Bärenplatz und das energische Bimbeln der Trame. Der Clown, der vor dem CA am Jonglieren ist und der wunderbare Ausblick von der Kornhausbrücke auf den Gurten und die Berneralpen. Wenn ich durch die Stadt bummle, geniesse ich die schönen Gebäude, das Ambiente und die Stimmung. Es ist nach Hause kommen und geniessen und doch halt nicht mehr wirklich zu Hause sein.

Schlendere ich durch die Stadt, bin ich meist etwas in Gedanken versunken, während die verschiedensten Eindrücke mich erreichen. So auch kürzlich, nachdem ich mir was gepostet hatte, dass mich ein bisschen ins Tagträumen gebracht hat. Mein Unterbewusstsein jedoch schien mehr wahrzunehmen als ich in diesem Moment. Plötzlich zwang es mich stehen zu bleiben und mich umzudrehen. Im Gewühle des Samstagnachmittagsshoppings entdeckte ich einen etwa 12 Jahre alten dunkelhäutigen Jungen vor einer Betonsäule. Darauf ein Plakat, eine Werbung für ein Konzert. Die Band kannte ich nicht, was nicht weiter verwunderlich ist, der Junge hingegen schien sie sehr wohl zu kennen. Als wenn um ihn herum kein Lärm und Gewusel wäre, stand er still da, den Blick konzentriert auf das Plakat gerichtet. Diese Faszination berührte mich und ich spürte, wie er davon träumte, dieses Konzert besuchen zu können. Seine Gedanken schienen einfach gerade dort, an diesem Konzertabend zu sein und er sich diesen wahrhaftig vorzustellen, so dass auch ich mich miteinbezogen gefühlt habe.

Ich wollte gerade losgehen und ihn ansprechen, hielt dann mitten im Schritt inne. Die Vernunft hielt mich, wie so oft im Leben, im letzten Moment noch zurück. Man kann doch nicht einfach einem Kind auf der Strasse sagen, komm, wir gehen ein Ticket kaufen. Das Kind ist ja schliesslich wirklich noch Kind und die Eltern entscheiden, ob und wann und mit wem es ein Konzert besuchen darf. Und eine Eintrittskarte für ein Konzert zu schenken würde mich wohl eher auf den Polizeiposten bringen, als schlussendlich die Freude bringen, die ich in diesem Moment so gerne verschenken wollte.

Tausende Gedanken gingen mir durch den Kopf und ich blieb noch eine Weile stehen. Erinnerte mich an meine Kindheit und an meine Träume damals. Wie wir lernen mussten, dass es Wünsche gibt, die immer Träume bleiben. Wie ich aber auch mit der Zeit gesehen habe, dass es durchaus Träume gibt, die verfliegen, um neuen Wünschen Raum zu schaffen. Andere wiederum lernte ich, kann man sich mit Fleiss, Strebsamkeit oder starkem Willen erfüllen. Wünsche und Träume hat man wohl im ganzen Leben. Meine haben sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Keiner dieser Wünsche kann man sich nun mehr mit Geld erkaufen. Manche davon werden sich sicher noch erfüllen, manche werden Träume bleiben. Und da bin ich irgendwie froh, dass ich als kleines Mädchen gelernt bekommen habe, dass man nicht immer alles bekommen kann, was man gerne hätte und gewisse Dinge für immer Phantasien bleiben werden. Den Kopf voller Gedanken lass ich den Jungen weiter träumen und hoffe insgeheim dennoch, dass sein Wunsch noch in Erfüllung gehen wird.

Gesucht per sofort: Iglu, wenn möglich inklusive Eisbär

Pünktlich zur Sommerwende ist er tatsächlich eingetroffen, der Sommer! Und ich hoffe doch schwer, dass sich nun die Mehrheit der Bevölkerung einfach nur noch freut und mit einem Lachen auf den Lippen durch die Welt spaziert. Denn, nun hat das Gejammer ein Ende und der Grösste aller Träume ist erfüllt!  Zugegeben, ich mag es auch, wenn man gemütlich draussen zu Abend essen kann und auf dem Nachhauseweg um halb elf Uhr Abends noch spontan in eine Gartenwirtschaft sitzen kann, um ein Glas Wein zu trinken. Sofern man das gemütlich finden kann, wenn es dabei hupt und lärmt, weil überraschenderweise scheinbar wieder mal eine Fussballmannschaft gewonnen hat, aber das wird bald wieder vorbei sein. Was wohl nun länger bleibt ist die brütende Hitze den ganzen Tag hindurch, bevor es zum lauen Sommerabend kommt. Er ist da, der Sommer und das ohne Vorankündigung, quasi Knall auf Fall! Es gibt wohl Dinge, die werden sich nie ändern, jedes Jahr nicht. Wehmütig erinnere ich mich an die letzten gefallenen Schneeflocken, welche nicht mal eine Woche zurück zum Liegen gekommen sind. Und genau deshalb suche ich per sofort ein gemütliches und kühles Iglu, um die Tage über 30° C unbeschadet zu überleben, ohne mich wie eine gekochte auf dem Rücken liegende Schildkröte zu fühlen. Das Iglu mit Vorteil inklusive Eisbär vorne dran. Damit potentiell tollwütige Pinguine nicht auf dumme Gedanken kommen können und frühzeitig abgeschreckt werden! Bis im nächsten Winter!

Aus aktuellem Anlass

Ja, ich gebe zu, auch ich bin total fasziniert von diesem Spiel mit dem schwarz-weissen Ball auf grünem Untergrund. In den Grundzügen so simpel und doch, ist EM oder WM, gibt es kein Restaurant und keine noch so kleine Bar, wo nicht irgendwo ein Bildschirm steht, um welchen sich das Volk drängt. Alle fiebern mit, man ist eine Gemeinschaft wenn auch nicht immer mit den gleichen Präferenzen. Aber, für einmal nicht jeder für sich, sondern vereint durch das gebannte vor dem Schirm sitzen und am Zuschauen wohin der kleine Ball als nächstes gekickt wird. Ansonsten sind die Strassen während dieser Zeit menschenleer und gespenstisch ruhig. Obwohl, in Bellinzona ist das auch ohne Fussballspiel der Fall, aber das ist ein anderes Thema. Auch Einkaufen während eines Matches ist einfach herrlich! So speditiv geht’s sonst meist nicht voran. Kommt man dann am Morgen zur Arbeit, wird nicht stillschweigend vor der Zeitung ein Espresso gekippt, nein, es wird heftig über den letzten Abend, die Spielminuten und den Schiri debattiert. Weiter wird spekuliert und gewettet und gemeinsame Abende vor dem public viewing Schirm geplant. Einfach faszinierend, wie ein solch in den Grundzügen einfaches Spiel die Menschen zusammen bringt und (Männer-)Welten Kopf stellen kann!

Lang ist’s her…

Seit ein paar Wochen treff ich beim Nachhausekommen häufig auf drei bis vier Jungs im Alter von etwa sechs bis acht Jahren am Spielen. Entweder sind sie aus dem Winterschlaf erwacht, neu hinzugezogen oder haben ihr Revier vergrössert. Jedenfalls scheint seit Neustem unser Hauseingang mit dem Strauchgebüsch ein idealer Versteckplatz und der Innenhof eine beliebte Spielfläche zu sein. Wenn ich sie nicht antreffe, so höre ich sie zumindest meistens während ich am Kochen bin. Oft schaue ich ihnen eine Weile zu und muss schmunzeln, auch dann, wenn ich natürlicherweise kaum bis gar nicht zurück gegrüsst werde. Auch wenn ich das manchmal selber noch nicht wahrhaben will, mittlerweile gehöre ich auch zu diesen Erwachsenen, diesen so unglaublich anderen Wesen in der kleinen Kinderwelt. Vor denen man Respekt hat und lieber verschwindet als sich auf eine mögliche Diskussion einzulassen. Und, dann erinnere ich mich jeweils zurück wie wir in unserer Strasse aufgewachsen sind. Das war eine bunt zusammen gewürfelte  Bande! Längst war nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Da hat man gezofft, einander an den Haaren gezogen oder mal zugebissen. Und natürlich gab es auch diese Eltern, welche sich da einmischen mussten, was nicht unbedingt immer vorteilhaft war. Oft waren wir aber auch eine grosse Bande, haben die beiden Blockeingänge als Wohnungen missbraucht und Familienrollenspiele ausgetragen. Manchmal mit Einbezug von Kindergeschirr und Puppen, manchmal einfach nur mit Gegenständen in der Phantasie. Und wohlverstanden, ohne smartphone, tablet oder ähnliches. Gespielt wurde mit reiner Vorstellungskraft, nachdem man sich gegenseitig rausgeläutet hat. Oder, wenn man noch nicht klingeln gehen durfte aus Gründen von unpassender Uhrzeit oder weil Sonntag war, hat man einfach genügend Lärm produziert, damit die Anderen drinnen aufmerksam wurden. Kein whatsup chat war da nötig, kein vorheriges abmachen. So oft es ging waren wir draussen am Rumziehen, spielen und die Welt am Geniessen. Zum Leidwesen eines älteren etwas sensiblen Ehepaares. Wir waren halt wohl auch nicht immer gerade leise. Waren wir doch eine rechte Bande.

Natürlich gab es neben Müetterlen auch Spiele mit mehr Bewegung. So konnten und durften wir das ganze Quartier umrunden, quer durch den Garten des Arztes abkürzen. Das gab immer wieder herrliche Versteckspiele und Schnitzeljagden. Einzig, der schmale Pfad vor der Arztpraxis musste leise begangen werden. Wenn ich zurück denke, möchte ich gerne wissen wie leise wir da wohl waren. Vor allem, weil auf der anderen Hausseite der Mittelpunkt eines unserer Lieblingsspiele war. Da gab es einen Hüter und einen Kessel. Er musste die Anderen suchen, während diese sich versteckten, um in einem guten Moment den Kübel mit einem lauten „Chübelium“ umzukicken und alles fing von Vorne an. Ausser natürlich der Hüter konnte jemanden finden und packen. Dann wurde dieser zum Hüter. Der Garten hatte noch andere tolle Sachen, zum Beispiel eine Hängematte, bei welcher wir Kleinen aber nie den Vorrang hatten. Oder einen leer stehenden Swimmingpool. Daneben blaue Fässer mit eingelegten Brennesseln, sie stanken fürchterlich. Alles musste entdeckt werden und gehörte irgendwie einfach uns. Ausser die Meertrübeli, da mussten wir immer aufpassen, dass wir sie ja unbemerkt abzupften und bevor die Grossmutter des Sandkastenkollegen uns erwischte, wenn sie aus dem Fenster geschaut hatte. Wohl aber genauso, wie ich das heute auch mache, wenn ich die Jungs draussen höre und ihnen dann einfach mit einem Lächeln zuschaue, wie sie verstohlen um die Hausecken streichen, immer gefasst, dass gleich jemand auf den Balkon tritt.

Auch Mutproben gehörten dazu. Neben unserem Block gab es einen Zaun auf einer hohen Mauer hinunter in einen verwunschenen Garten. Dort im Haus wohnte nicht nur ein mürrisches Ehepaar, der ebenso mürrische Hund war oft im Garten unten anzutreffen. Wenn er nicht gerade am rumläutschen war. Was damals auch noch vorkam. Manchmal kam es halt dann auch vor, dass einer unserer Bälle den Zaun übersprang und in den Garten runter flog. Kann mich noch gut erinnern, was das für eine Mutprobe war, das erste Mal über den verbotenen Zaun zu klettern und über den Baum in den Innenhof runter zu kommen und den Ball zu retten. Mit der Angst im Nacken, die Eltern könnten just in dem Moment auftauchen und mich erwischen wenn ich unten bin oder irgendwo erwache ein lauernder Hund und kommt bellend auf mich zu gerannt lasse mich auffliegen. Nach der ersten Mutprobe war es dann schon fast ein Spiel, immer mal wieder dort nach Unten zu klettern und die Entdeckungsreisen fortzusetzen.

War das Wetter nicht unbedingt zum Draussen sein, so trafen wir uns zum Monopoly spielen. Wobei wir beide Geschwister immer übers Bett gezogen wurden – wir hatten keine Ahnung von Geld oder Geld verwalten währen der Sandkastenkollege ein richtiger Banker und Gauner war. Mittlerweile ist er übrigens Anwalt und wir pokern zusammen. Aber dass er immer noch mehrheitlich gewinnt hat sich nicht geändert. Ein anderes Spielkamerädli wurde Diatköchin, arbeitet nun in einem Krankenhaus. Eine Dritte wurde Coiffeuse, macht nun aber Fliessbandarbeit. Einer unserer Spielkameraden landete mal eine Weile im Gefängnis, seine Schwester wurde früh Mutter, nun alleinerziehend. Wieder ein Anderer ist Designer, wohnhaft in London, eine Ärztin hat‘s gegeben. So manches Elternpaar ist nicht mehr zusammen, von verstorben zu geschieden bis zu outings über Homosexualität. Von Manchen weiss niemand mehr, wo sie wohnen, was aus ihnen geworden ist. Die Kontakte haben sich verflüchtigt, die Spuren sich zum Teil verloren. Kaum jemand wohnt noch da, wo wir aufgewachsen sind. Eine Strasse in einem kleinen Dorf, eine gemeinsame Kindheit uns so viele verschiedene Wege und Schicksale. Was wohl aus meinen Jungs hier mal wird, wenn sie auch zu den Erwachsenen zählen!?