Musik ist etwas wunderbares. Und wenn von Herzen gespielt, kann es tief berühren. Schon beim ersten Vorbeigehen faszinieren mich die Klänge des Strassenpianisten auf seinem kitschigen, mit grünem Plüsch überzogenen Klavier. Auch ich gehe vorbei, der Kopf voll mit Sachen, die es noch zu erledigen gibt. Auf dem Weg zurück, packt mich seine Musik wieder und zwar bevor ich ihn sehe. Mein Portemonnaie habe ich längst gezückt. Ein besonderes Talent hat er und wird kaum gewürdigt. Sein Kässeli ist quasi leer und Publikum hat er keines. Im Jahre 2020 hat man scheinbar keine Zeit mehr für spontane Gratiskonzerte.
Mir kommt der erst gerade wieder gelesene Artikel über den Violinenspieler an der U-Bahnhaltestelle in Boston in den Sinn. In einer Stunde haben gerade mal 20 Menschen angehalten und zugehört, 32 Dollar sprangen dabei raus. Was keiner der ungefähr 2’000 vorbeigehenden Passanten ahnte war, dass er einer der grössten Musiker der Welt als Teil eines sozialen Experimentes zur Wahrnehmung dort stand und spielte. Davon eines der schwierigsten je geschriebenen Stücke, mit einer Violine im Wert von mehr als 3.5 Millionen Dollar. Für dieselbe Präsentation wurden am Abend zuvor in Bosten an einem regulären Konzert durchschnittlich 100 Dollar pro Konzertticket verlangt.
Und so frage ich mich, ob ich wohl auch gerade vor einem bekannten Musiker stehe, der unbeirrt weiter in die Tasten greift während er sich herzlich bei mir bedankt. Oder ob er eines der vielen unentdeckten Talent ist, die mit Freude eins sind mit ihrem Instrument. Jedenfalls spielt er so, dass mein Herz mitschwingt, mich seine Töne in den Bann ziehen und mich noch etwas mit meinen Gedanken auf meinem Weg begleiten.