Dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen

Es war einmal ein kleiner Hase. Er sass alleine auf dem Waldboden und sah etwas einsam aus. Der Fuchs, gerade auf dem Weg zur Jagd, streifte vorbei. „Tschau Hase!“ „Guten Tag Herr Reinecke!“ „Geht’s Dir gut?“ „Danke, und Ihnen?“ „Mir geht’s blendend.“ Stunden später kommt der Fuchs zurück und findet den Hasen noch immer auf derselben Stelle sitzen. „Hey Hase, bist Du immer noch hier? Was ist los?“ „Nichts, es ist nichts.“ Und genauso fühlte er sich, etwas leer. „Ach komm, nun sitzt Du schon den ganzen Tag über hier und schaust bekümmert drein.“ „Mir geht es gut, Danke.“

Am nächsten Morgen begegnet der Fuchs dem Hasen wieder, noch immer auf derselben Stelle sitzend. Die Ohren leicht abgeknickt und vor sich hin starrend. „Kleiner Hase, ich glaube Dir nicht, was ist los?“ Der Fuchs setzt sich neben den Hasen. Dieser schaut ihn verängstigt von Unten an. Er hatte früh gelernt, mit Füchsen legt man sich nicht an. Diese stolzen, prächtigen Tiere mit dem wunderbaren roten Fell und dem buschigen Schwanz mit weisser Laterne sind nicht ungefährlich. Schlau sind sie, man soll sich in Acht nehmen vor ihnen. „Nichts, Herr Reinecke, wirklich nichts.“ Der Fuchs lässt sich vom Hasen bewundern und sitzt still neben ihm. Nach einer Weile legt er ihm die weisse Pranke auf die Schulter. „Kleiner Hase, was ist denn nur mit Dir los?“ Der kleine Hase zittert, er hat Angst vor der riesigen Pranke. Als er jedoch hinauf in die Augen des Fuchses schaut, sieht er eine Wärme darin blitzen und plötzlich bricht es unter Tränen aus ihm heraus. „Mister Reinecke, wir waren auf der Wiese. Alle, meine Eltern und meine Geschwister. Da, wo der gute Klee wächst, da, wo die Sonne einen das Fell erwärmt. Plötzlich kamen riesige Schatten, alles ging sehr schnell, Gekreische – dann waren sie alle weg. Meine ganze Familie haben die Adler geholt, alle, alle ausser mich.“ Der kleine Hase bricht in Tränen aus. Da zieht der Fuchs ihn mit seiner Pranke an sich und legt seinen buschigen Schwanz um ihn. Nach einer Weile hört der Hase auf zu zittern und seine Tränen versiegen. „Kleiner Hase, wann hast Du denn das letzte Mal gegessen?“ „Ich weiss es nicht, antwortet der Hase.“ Da meint der Fuchs, er solle ihm folgen und führt ihn zu einer kleinen Waldlichtung voller Klee. „Friss mein kleiner Hase, ich pass derweil auf Dich auf.“ Zögerlich fängt der Hase an, das Gras zu zupfen. Mit jedem Bissen wird der Hunger grösser. Als er fertig ist, legen sie sich zusammen hin.

Nach einer Weile nimmt der Hase seinen Mut zusammen und fragt den Fuchs, weshalb er das alles den für ihn tue? Er sei doch ein Fuchs und gebe sich für gewöhnlich nicht mit kleinen Hasen ab? „Ach“, meinte der Fuchs, „ich bin nicht so wie die Anderen. Als ich Dich so traurig sitzen gesehen habe, da bist Du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.“ Sie schauen sich zusammen die Sterne an. „Schau, da, eine Sternschnuppe! Und noch Eine!“ Der Hase nimmt seinen ganzen Mut zusammen, „mein lieber Reinecke, ich mag Dich sehr, Danke, dass Du für mich da bist und mir die Sterne vom Himmel holst!“ Der Fuchs antwortet dem Hasen: „lieber Silberrücken, ich mag Dich auch ganz fest!“ Sie liegen noch eine Weile da und schauen die Sterne an, bis sie beide eingeschlafen sind.

Als der Hase erwacht, findet er sich alleine. Er schaut sich um, kann den Fuchs aber nirgends sehen. „Reinecke, wo bist Du?“ Er sucht ihn überall. Auch in seiner Höhle ist der Fuchs nicht. Es vergehen Tage, der Fuchs ist unauffindbar. Traurig lässt der Hase seine Ohren sinken. Seine kleine Welt ist ohne den Fuchs eine leere Welt. Er legt sich hin und schläft ein.

„Und das ist das Ende der Geschichte.“ „Aber Oma, wieso ist denn der Hase traurig?“ „Weisst Du, er vermisst halt seinen Freund. Sie haben eine wunderbare Zeit zusammen verbracht.“ „Aber wo ist denn der Fuchs?“ „Das weiss ich auch nicht mein Kleiner.“ „Aber es geht ihm gut?“ „Dem Fuchs geht es ganz bestimmt sehr gut. Er hat vielleicht eine neue Höhle gefunden, einen anderen Hasen getröstet oder einen netten anderen Fuchs getroffen, mit dem er sich nun herumbalgt.“ „Aber wenn er gegangen ist, wieso hat er denn den Hasen nicht mitgenommen?“ „Weisst Du, Fuchs und Hase gehören eigentlich nicht zusammen, sie sind zu verschieden. Und weisst Du, das Leben ist ein Weg, den man grundsätzlich alleine geht. Dabei gibt es ein Kommen und Gehen von Begleitern. Manche bleiben etwas länger, manche sind nur kurze Zeit da. Schlussendlich geht aber jeder seinen Weg für sich. Und das wichtige ist, dass man ihn so geht, wie man das gerne möchte. Alle Begleiter darin haben eine Rolle, vielleicht erkennt der Hase die des Fuchses erst viel später.“

„Ist er gegangen, so wie Opa gegangen ist?“ Nein, Opa ist gegangen und schaut nun als Engel, dass es uns gut geht!“ „Aber Oma, gell, Du gehst nie weg von mir?“ Sie drückt in fest an sich, wischt sich heimlich eine Träne weg und meint: „nein nein mein Lieber, ich bleibe bei Dir. So, nun ist es aber auch für Dich kleiner Hase Zeit, gute Nacht zu sagen!“

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