Zugegeben, bis an diesem Donnerstagmorgen am Bahnhof Bellinzona habe ich noch nie ein „win for life“ Los gesehen, geschweige denn gewusst, wie man damit gewinnen kann. Aber eines nach dem anderen. Da stehe ich auf dem Perron in Bellinzona und warte auf meinen Anschlusszug als ich unweit von mir entfernt einen älteren Mann beobachte, der herum tigert und in Tessiner Dialekt vor sich hin schwätzt. Bruchteilhaft verstehe ich, dass es um den Zug geht, den auch ich nehmen will. Da dieser nun auf einem anderen Gleis fährt als üblich, nehme ich an, seine Unruhe rührt von dieser Gleisänderung. So spreche ich ihn an und frage, ob er Hilfe bräuchte. Von Nahem sieht er nicht nur alt, sondern uralt aus, scheint aber noch ziemlich fit zu sein. Sofort quasselt er mich auf Dialekt zu bis ich ihn bitte, doch auf Italienisch zu wechseln, da mir das Verstehen von Dialekt schon etwas Mühe bereitet. Ohne mit der Wimper zu zucken fährt er in Hochdeutsch fort und wir können das Zugproblem im Nu lösen und er ist erleichtert. Dann schaut er mich an, öffnet seine Jackentasche und zieht ein Los hervor. Ein „win for life“ Los erklärt er mir und er habe gewonnen!. Schon möglich antworte ich, keinerlei Ahnung, ob das wirklich stimmt. Doch, erklärt er mir, das sei wirklich wahr, man müsse das folgende Zeichen drei Mal auf gerubbelt haben, was er tatsächlich auf seinem Los hat. Es koste nur fünf Franken, ich solle das doch auch mal ausprobieren. Dann zeigt er auf die zwanzig Jahre Gewinn, schmunzelt, sagt schelmisch zwanzig Jahre und schaut mich mit einem Blick an, der mich als Mitwisserin von ihm fühlen lässt im Sinne, wir beide wissen, dass zwanzig Jahre nicht mehr drin liegen für ihn. Ich freue mich dennoch für ihn, gratuliere zu seinem Gewinn und unsere Wege trennen sich beim Einsteigen.
Während der Zugfahrt rätsle ich etwas über den Preis von viertausend Franken für zwanzig Jahre und wie der alte Mann mir dieses Los einfach so gezeigt hat – könnte schon verlockend sein für dahergelaufene Passanten wie mich. Beim Aussteigen treffe ich ihn wieder und gebe ihm den Ratschlag, doch gut auf sein Los aufzupassen, dass er es doch nicht einfach fremden Leuten wie mir zeigen soll, nicht dass es ihm dann noch jemand wegnimmt, aber er solle auch aufpassen, dass es ihm nicht aus der Jackentasche fällt. Er hört mir nicht richtig zu, freut sich aber, sich etwas unterhalten zu können. So erzählt er mir dann, dass er gerade auf dem Weg an einen Altersnachmittag sei. Er wohne im Altersheim. Seine Frau sei schon länger gestorben. Es hat nur alte Frauen im Heim, was nicht gut sei. Er suche sich nun eine junge Frau und gehe auf die Malediven, er habe ja nun sFr. 4000.- pro Monat. Ob ich denn wisse, wo die Malediven sind. Ich muss etwas lachen bin aber dann froh, in eine andere Richtung zu gehen, bevor ich noch gefragt werde, ob ich mitfliegen möchte, schliesslich bin ich mir doch nicht so ganz sicher, wo die Malediven liegen. Viel später am Tag nimmt es mich dann aber doch noch Wunder, ob er tatsächlich gewonnen hat oder ob das reine Fantasie war. Und tatsächlich, mit einer Chance von 1:1.5 Millionen hat er sich tatsächlich den Gewinn fürs Leben geholt und irgendwie freue ich mich gerade riesig für ihn!