Vom goldenen König

Wenn man nicht mit blauem Blut geboren wird, so hat man immerhin einmal im Jahr die Chance eine Krone zu tragen. Doch, um König zu werden, braucht es etwas Glück. Denn, er lässt sich nur in einem der sechs Kuchenstücke finden, in welchem ist die Wahl und das Glück eines jeden Einzelnen. Noch seltener sind aber die goldenen Könige. Liest man den Beipackzettel des Königkuchens erfährt man, dass diese tatsächlich existieren und man mit einem solchen goldenen König an der Auslosung von 100 verschiedenen Preisen teilnimmt. Da gibt es einen Party-Service von tausend Franken bis zu einem Bäckereigutschein von dreissig Franken zu gewinnen. Aber eben, scheint es für manche Menschen schon schwierig je mal an einen König zu kommen, dann scheint das Auffinden eines goldenen Königs eine Unmöglichkeit zu sein.

Oder doch nicht?

In unserer Zeit von Kuschelpolitik kann man sich so eine unfaire Situation natürlich nicht mehr erlauben. Liest man das Kleingedruckte, so erfährt man als Allererst, dass absolut kein Kaufzwang besteht. Was heisst, man muss sich nun nicht wochenlang von Königskuchen ernähren, um seine Chancen auf einen solchen goldenen König und somit die Teilnahme an der Auslosung zu erhöhen. Die goldenen Könige können ganz einfach bei der Geschäftsstelle bezogen werden, und zwar gratis. Wobei, nur einer pro Haushalt. Das war noch nicht alles. Der Clou der Geschichte vom Bäckereiwettbewerb ist, um an der Verlosung teil zu nehmen, müssen diese Könige dann auch wieder an dieselbe Geschäftsstelle zurückgesendet werden. Und da das letzte Bestelldatum dieser speziellen Könige mit dem Datum übereinstimmt, an dem man sie zurückgesendet haben muss, geht wohl auch eine simple Nachricht mit der Bitte, doch mit einem goldenen König in meinem Namen an der Verlosung teil zu nehmen. So sparen sich beide Seiten das Porto und der Postbote wird nicht für Sisyphusarbeit ausgenutzt. Das Ganze hat tatsächlich nur einen Hacken, Mitarbeiter einer Bäckerei/Confiserie sind vom Wettbewerb ausgeschlossen.

1927 versus 2017

Geboren im Dezember 1927. Es fehlen zehn Jahre, um zu sagen, er hat ein Jahrhundert gelebt. Wenn ich mir das so vorstelle, zehn Jahre sind ziemlich schnell vorbei und sehr läppisch im Gegensatz zu einem Jahrhundert. Vor Allem gerade dieses Jahrhundert.

Geboren zwischen den Weltkriegen. Miterlebt, was es heisst, wenn der Vater in den Krieg ziehen und der Hof trotzdem weitergeführt werden muss. Von der Mutter und den Kindern, vor Allem auch vom Ältesten. Aufgewachsen in einer Zeit, wo es nicht selbstverständlich war, dass man sich so einfach alles leisten kann, was man sich wünscht. Wo Elektrizität im Haus nicht vorhanden war, die Milch per Leiterwagen eine halbe Stunde lang ins Dorf heruntergezogen wurde. Statt PS vom Traktor ein echtes Pferd vor den Pflug gespannt. Eine Zeit, wo ein Fahrrad einen hohen Wert hatte und dessen Benutzung nicht in den Kinderschuhen gelernt wurde. Butter stand nur sonntags auf dem Tisch, dafür gab es reichlich Kartoffeln. In einer Zeit, wo es vorkam, dass eine Mutter nach einer Geburt einfach stirbt oder ein kleines Kind auf dem Feld ums Leben kommt. Eine Zeit, wo man die Hausaufgaben auf dem Schulweg im Wald gemacht hat, weil man nebst der Hofarbeit keine Zeit mehr hatte. Eine Lehre noch Geld gekostet hat und alles andere als selbstverständlich war, wo man wusste, was Ehrfurcht vor Eltern, Lehrern und Ausbildnern bedeutet. Statt sms und E-Mail und Tratsch per Facebook hat man sich in der Dorfmusik getroffen und hat anschliessend in der Dorfbeitz getratscht. Oder ging am Sonntag in die Kirche, um die Leute vom Dorf zu treffen. Kam man dann ein ungerades Mal sogar bis Burgdorf, war das ein richtiges Highlight!

Erwachsen und mit einer kleinen Familie war das Emmental zu klein, um beruflich eine Chance zu haben. Wurzeln mussten abgebrochen und ein neues Umfeld aufgebaut werden. Als Zimmermann und später Abwart gearbeitet, ohne Ausbildung. Die Ehefrau zwar eigentlich gelernte Schneiderin, doch mit Kindern in Akkordarbeit zu Hause tätig. Richtig gefreut hat man sich dann immer, mit dem Zelt in die Ferien zu fahren. Selbstverständlich, als man dann einmal auch ein Auto hatte. Vorher ging es ab und zu mit auf eine Sonntagsspritzfahrt mit den Nachbarn. Ein Auto pro Strasse, kann man sich das heute noch vorstellen!? Einkaufen geht man in der Dorfbäckerei und der Dorfmetzg, wo die Kinder immer auch verwöhnt wurden mit einem Einback oder einem Rädchen Wurst.

Der Wandel der Zeit nimmt immer mehr seinen Lauf. Elektrizität, ein Telefon, ein Auto, später auch mal ein Wohnwagen werden zum Alltag. Auch wird man immer mobiler, die Welt fängt an zu reisen. Spitzenmedizin ist so normal wie Farbfernsehen und hochauflösende Sattelitenbilder. In kürzester Zeit wandelt sie sich die Menschheit enorm. Vom kleinen Bauerndasein im Emmental, wo man sich noch gekannt hat zum Jetter in der Welt, welcher kaum mehr seinen Nachbarn kennt, dafür ständig online ist.

Welche Welt besser war, das sei jedem selber zu entscheiden. Meine Bewunderung geht aber wirklich an Leute wie meinen Grossvater, welche diesen ganzen Wandel miterlebt haben. Wenn man ihm wohl als 10-Jährigen gezeigt hätte, wie die Welt 80 Jahre später aussehen wird, hätte er wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Und doch hat er das alles mitgemacht und war beständig am Lernen. Aufgewachsen mit nichts, gelernt hart zu arbeiten, ziemliche Schicksalsschläge eingesteckt. Von der Öllampe zum iPad. Und, vor Allem bei all dem Wandel mitgelernt und das ohne je zu jammern oder ein Burn-out zu kriegen. Vor dieser Generation ziehe ich meinen Hut und gratuliere meinem Grossvater herzlichst zu seinem 90. Geburtstag!