Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Wie er diese Weihnachtszeit hasst, den ewigen Stress mal ausgeschlossen, kann er den ganzen Rummel um den einen Tag im Jahr einfach nicht verstehen. Schon Wochen im Voraus geschmückte Schaufenster, Weihnachtskugeln, Glitter und Geschenke, Kitsch wohin das Auge reicht. Engel neben Renntieren und Weihnachtsmännern, rote Kugeln neben glänzenden Weihnachtssternen und drum herum Leute, die sich mit den Ellbogen durch das Gewühle drängen, immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ihr Geld für irgendwelchen Blödsinn auszugeben, den sie dann in ein Papier einwickeln, welches kurze Zeit später sowieso von einem ungeduldigen Kind zerrissen wird. Die Freude dann kurz weilt an dem Gut, und schon sehnt man sich nach der nächsten Weihnachtszeit, wenn etwas neues sich im Papier versteckt. Der Stress, dieser Kaufrausch und dann die ewig gleichbleibenden Weihnachtslieder, er kann einfach nichts damit anfangen.

Weihnachtszeit du Schöne und Besinnliche, wo bleibst du?

Wusste eigentlich noch jemand, dass Weihnachten nicht das Fest des Kaufrausches ist? Die Bedeutung dieses Festes hatte arg abgenommen.

Während er sich so durch die Menschenmengen quält – wo kommen nur diese vielen Leute immer her? – versucht er sich einen Blick auf die Gestelle zu erhaschen. Ein gutes Stück Fleisch und etwas Gemüse für das Weihnachtsfest, für SEIN Weihnachtsfest, das erhoffte er sich dabei. Nichts Grosses soll es sein und etwas Apfelstrudel zum Nachtisch.

Diese Schlangen vor den Kassen und vollgepackte Einkaufswagen überall. Er machte sich auf eine längere Zeit des Wartens gefasst.

Zurück in den Strassen, vorbei an Leuchtreklamen und Lampengirlanden erreicht ein ihm sehr wohlbekannter Duft die Nase. Zimt, er erinnert sich an die warme Stube indem der Holzofen immer leise vor sich hin gebrutzelt hat, der Vater mit einer Pfeife rauchend im Ohrensessel sass, die Grossmutter und die Mutter am Tisch Weihnachtsgebäck ausgestochen haben und er selbst stolz einen selbstgemachten Stern in der Hand, immer auch etwas von dem süssen Zimtteig vernascht hatte. Kerzenduft und draussen der Schnee – Weihnachten zu Hause, eine Träne die ihm über die Wangen läuft, wischt er energisch ab. Nein, er hasst Weihnachten und das soll auch so bleiben. Die Habgier der Menschen, die sich besonders im Dezember wieder ins Unermessliche entfalten kann, das Ganze „so tun als, ob alles in bester Ordnung wäre“ unter dem Tannenbaum, das Geheuchel und Getratsche, so dass man dann schon nach Abreise der Verwandten sich das Maul über diese aufreissen kann, dieser Zirkus Jahr für Jahr, er war froh, für sich alleine feiern zu können. Still und mit einem guten Film im Kasten, ohne Baum und dem ganzen Schnickschnack und Klimbim dazu. Weder eine Krippe, noch irgendwelche Engel, nur er, ein gutes Nachtessen mit einem Tropfen Rotwein und etwas Unterhaltung aus dem Fernsehapparat und Fridolin sein treuer Hund zur Seite.

Das war nicht immer so, Weihnachten zu Hause war ihm immer sehr lieb gewesen, er freute sich sogar darauf. Bis damals, als er seine Freundin mit nach Hause brachte. Von Anfang an lief alles schief. Nicht nur, dass er ihr teures Kleid mit Rotwein befleckte, auch seine Familie benahm sich völlig daneben. Fragen über ihre Eltern und deren Beruf, missbilligende Blicke, weil diese scheinbar nicht in die rechte Gesellschaft gehörten, ein versalzener Braten und ein Familienkrach, weil die Eltern nicht derselben Meinung waren über die Zukunft ihres Sohnes und wen er nun als Frau verdient hat und wen nicht. Es endete in einem Gezanke und Geschrei, er hilflos dazwischen versuchte die Situation zu entspannen. Alles in allem war es ihm so peinlich, sie verliessen das Fest vorzeitig. Die Freundschaft ging kurze Zeit später dann auch noch in die Brüche. Er beschloss, von nun an Weihnachten alleine zu verbringen.

Die Nachrichten berichten von Sturmböen in den Bergen und Krieg im Osten, nichts Aussergewöhnliches und Schnee solle es geben im Verlaufe der Nacht. Die folgende Dokumentarsendung handelt von einer Frau, welche behauptet, ihrem Schutzengel begegnet zu sein. Ha, Engel, in welchem Jahrhundert leben wir denn eigentlich, dass man solch einen Quatsch den Leuten vor dem Fernseher noch getraut vorzusetzen!?

Engel, ob mit oder ohne Flügel, als rational denkender Mensch kann er solche Gestalten nicht in sein Weltbild einfügen. Etwas das nicht lebt, aber dennoch als handelndes Wesen existiert, wie soll das möglich sein? Nein, an Engel, Geister und andere solche Einbildungen glaubt er nun definitiv nicht! Aber es ist amüsant, was diese Frau alles behauptet und eine Zeitlang unterhält er sich köstlich. Bis dann der Spielfilm beginnt und er umschaltet.

Kurz vor Mitternacht, dem Gähnen ein Ende setzen zu wollen, steht er auf, zieht seine Schuhe an, der Hund schon um ihn herum tänzelnd. Ja, du bist ein Braver, und nachher kriegst du dann noch dein Weihnachtsknochen. Sie begeben sich auf den allabendlichen Spaziergang. Der Hund 20 Meter vor sich, schlarpt er müde die Strasse herunter. Fridolin, nun warte doch! Dieser schon um die nächste Ecke, schliesslich kennt er den Weg. Seine Gedanken kreisen, süsser Honigwein, wieso nur kommt ihm dieses Wort nicht in den Sinn? Und dann griechische Gottheit des Feuers mit 10 Buchstaben…

Ein Schrei zerreist die Nacht, nur kurz, aber er ist sofort hellwach und wie selbstverständlich eilt er in die Richtung, in der er den Ursprung des Lautes vermutet. Drei Männer schlagen wie verrückt auf einen Jugendlichen ein. Er greift sofort ein, schlägt gekonnt auf des einen Arm, der Junge kann entwischen und läuft so schnell er kann in Richtung Stadt. Ein unerbittlicher Kampf setzt sich fort, nur dass er nun das Opfer ist. Er schafft es dem Einen den Schlagstock zu entreissen und beginnt sich wie wild zu wehren, schon steht ihm Fridolin tapfer zur Stelle. Ein Stich, ein grosser Schmerz, langsam sinkt er zu Boden. Beim Erklingen der Sirenen sind die Schläger schon um alle Ecken verschwunden. Da liegt er nun, reglos, sein treuer Kumpel neben sich. Er, der nie an Engel glaubte, ist nun selbst zu einem geworden. Schnee fällt sanft zu Boden und bedeckt ihn.