Von kleinen und grossen Kindern und wie man selber ständig dazu lernen kann

Nach einem ungeplant verregneten Samstagnachmittag, aber nicht weniger gemütlich bei Kaffee und Schwatz, beschlossen wir, als das Wasser endlich nur noch tropfweise statt in Bindfäden vom Himmel kam, noch etwas die Beine zu vertreten. Schon da wohl hatte das ganze Problem seinen Lauf genommen. Die kleine Dreijährige fand den Vorschlag vom Spazieren gehen gerade alles andere als toll. Spielen mit dem neu gefundenen Kamerädli auf dem Zeltplatz wäre ziemlich fägig gewesen, spazieren mit Erwachsenen, und dann auch noch ohne Velo, eher nicht so. Manchmal gibt es jedoch keine andere Wahl als zu gehorchen, vor Allem, wenn es drei zu eins ist. Doch, der Widerstand gab nicht einfach so auf. Schnell kam die Idee vom Huckepack und so liess sich der Papa darauf ein, aber ganz klar, auf die Schultern solls erst beim Schild da Vorne gehen. Sie meinte hingegen, beim Stein sei es angemessen, was notabene nur ein paar Meter näher bei uns war. Aber es ging schlicht ums Prinzip. Darauf entgegnete der Papa, der Deal sei das Schild und begann, ohne weitere Diskussionen zu führen, auf dieses zuzugehen. Es kam, wie es kommen musste. Es fing mit weinen an und artete in ein riesiges Geschrei aus. Unstoppbar für sicher eine halbe Stunde. Sie liess sich durch nichts mehr beruhigen und war einfach so richtig am Toben. Sie war so ausser sich, dass nicht mal mehr das Spüren einer Umarmung was gebracht hat, völlig vom Boden abgehoben, total in den Tränen und am Schreien, was die Stimme hergab. Einer der Momente, wo ich froh war, keine Mutter zu sein. Aber wahrscheinlich kriegt man die Nerven dazu bei der Geburt mitgeschenkt. Eine Vater-Tochter Konversation half dann schlussendlich doch noch zur Beruhigung und bald schon war alles vergessen und nun war es die Kleine, welche noch weiter spazieren wollte.

Später diskutierten wir zu Dritt, was wohl die beste Lösung in diesem Moment gewesen wäre. Hätte man nachgeben sollen? Wäre der Schlüssel zum Erfolg der gewesen, mit ihr eine Diskussion zu führen, wo beide ihre Standpunkte vertreten hätten? Sollte das Kind ab und zu auch Recht bekommen? Oder sollte man sich einfach in einem Kompromiss finden? Es ist nicht leicht, Eltern zu sein und immer den richtigen Weg zu finden und diesen zu gehen. Da ist manchmal guter Rat teuer.

– Szenewechsel –

Nachdem ich die Aufgabe schon mal mit ihm durchgekaut haben und auf Widerstand gestossen bin diesen task schnellst möglich in die Agenda aufzunehmen, habe ich mich eines kleines Umweges entschieden, seine Naivität mit einem kleinen Trick ausgenutzt. Eine stupide Frage vor dem Chef und dann war klar, dass die Aufgabe einen Dringlichkeitswert hat und geplant werden muss, subito. Doch hier nahmen die Dinge wohl auch schon ihren Lauf. Montagmorgen. Die besagte Aufgabe wird zu meinem Erstaunen schon heute in Angriff genommen. Der Weg des geringsten Widerstandes führt dennoch über ein wenig Extraarbeit. Statt das bisher vorhandene Material zu gebrauchen und zu messen, wird sogar neues Material gesammelt und die Konzentration bestimmt. Aber, leider Fehlschlag, Konzentration zu tief. Zurück zum alten Material. Da fehlt die Konzentration aber eben auch. Die Aussage, dass diese irgendwann mal gemessen wurde und sicher genau von diesem noch vorhandene Material ist, stösst bei mir auf taube Ohren. Der Satz mit dem Inhalt, ich denke, geht einfach nicht. Ich bleibe hart, so lange es nicht auf dem tube steht, machen wir keine ich-glaube-Wissenschaft, wir produzieren Fakten. Nicht nur, dass das Widerholen der Messung Zeit kostet, was ich nicht weiss und erst später erfahre, dass er den Nachmittag als frei geplant hat. Was wohl aber schlussendlich massgeblich dazu führt, dass eine Kleinigkeit in eine Diskussion ausartet. Dabei bleibe ich bei meiner Meinung und mache ihm klar, dass er das Experiment ansetzen und diese Messung später nachholen kann und ihm zusätzlich sogar noch anbiete, sie sogar für ihn durchzuführen. Er trotzt aber, und schlussendlich läuft er unter ziemlichem Gefluche davon, quasi mitten aus der Diskussion.

– Szenewechsel –

Später sitze ich mehr oder weniger frustriert an meiner Arbeit, ein Moment, wo ich Zeit zum Denken habe. Es geht mir vieles durch den Kopf. Wieso kann ich nicht einfach in Frieden und glücklich mein Projekt haben, ohne unmotivierte Leute zu führen. Wieso werde ich in diese Rolle gezwängt, die mir so etwas von nicht liegt. Ich bin kein Alphatier, führe nicht gerne, fühle mich nicht wohl, wenn ich was bestimmt sagen muss und, ich bin einfach mündlich nicht immer gleich mit den besten Gedanken und Sätzen ausgerüstet um genau jetzt zu reagieren. Ich brauche Zeit zum Überlegen und mir Gedanken zu machen und bin für genau solche Debatten zu wenig gewappnet. In Mitten dieser Gedanken besinn ich mich aber dann, dass auch ich meine Hürden habe im Berufsalltag, Hindernisse, welche ich meistern muss, und dass dies gerade Eines davon ist. Dass ich die Aufgabe angenommen habe und nun genau davor stehe. Dass die Lösung nicht ist, davon zu rennen, sondern sich ihr zu stellen und sich damit zu beschäftigen. Und auch, dass ich gewöhnlich nicht einfach aufgebe, wenn es nicht gerade weiter geht. Ja, es stimmt, ich habe einen Befehl erteilt, aber, ich habe es in einem netten Tonfall und erklärend gemacht und, ich habe sogar noch meine Hilfe angeboten, welche strikte abgelehnt wurde. Wieso kam es dann trotzdem zu solch einer heftigen Reaktion, welche schlussendlich mich getroffen hat? Und, wieso lief er mir einfach davon, mitten aus der Diskussion, was einfach keine Lösung für irgend ein Problem ist? Was muss ich das nächste Mal anders machen, damit der Frust beidseitig nicht mehr aufkommt?

Plötzlich kommt mir das tobende Mädchen in den Sinn. Irgendwie hat sich trotz 30 Jahren Altersunterschied zwischen den Beiden, gerade eine ähnliche Situation abgespielt. Beide konnten ihren Willen nicht durchsetzen und beide haben sich deshalb lauthals gewehrt und geweigert, in eine gemeinsame Richtung zu gehen. Aber, im Gegensatz zum Mädchen, mit dem man schlussendlich dann diskutieren konnte, das mich am Ende des Tages herzlich und fest zum Abschied umarmt hat und dadurch alles hat vergessen lassen, ist er mir aus dem Weg gegangen, nach dem Mittag einfach wortlos verschwunden, garantiert meiner Anweisung nicht gefolgt und ich habe mich durch die ganze Situation frusten lassen. Kleine Kinder kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen. Wie man sich am Besten verhält, wenn die Grossen am Trotzen und Toben sind, damit sie sich schnell beruhigen, das Ganze einen anderen Verlauf nimmt und man als Gewinner die Situation in den Griff kriegt, ist mir noch ein Rätsel. Es wird mir wohl in der nächsten Zeit noch so einiges abverlangen, indem ich an mir selber arbeiten muss und dadurch wachsen kann.

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