Wie gut dass niemand weiss…

In gewissen Situationen kommt es mir manchmal vor, als wäre der einzige Unterschied von Kindern zu Erwachsenen nur die äusserliche Erscheinung. Wir sitzen am Mittagstisch und wie immer, geht es ziemlich italienisch zu und her, sprich, eher zu laut für mich. Die Leute schreien sich schlicht an und jeder versucht seinen Worten möglichst viel Kraft zu geben, indem das Volumen verstärkt wird statt fertig zuzuhören und dann zu sprechen. Das Ganze wird dann noch durch die Resonanz an der netten Dachschräge amplifiziert. Wohl oder übel habe ich wohl mal wieder nicht so viel verstanden in dem Chaos oder mich halt einfach wirklich mal wieder ausgeklinkt durch unbewusstes auf standby schalten. Jedenfalls gebe ich auf die Frage nach einem Feriengspändli scheinbar die gleiche Antwort in Englisch, wie kurz davor Marco vis-à-vis von mir auf dieselbe Frage in Italienisch geantwortet hat, es fehlt Eines. Und schwupps, da kommt doch dem einen Italiener am Tisch kurzerhand die Idee, dass zwischen mir und Marco ja eine Gemeinsamkeit besteht, oha, und dass man uns deshalb doch verkuppeln könnte. Mit wohlverstanden vierzig Jahren Lebenserfahrung kann er dies aber nicht einfach so als lustigen Gedanken auf den Tisch bringen oder sogar einen ernsten Vorschlag machen, zusammen in die Ferien zu fahren. Nein, wie damals als Grundschulbub fängt er an zu grinsen, hinter vorgehaltener Hand mit seinem Nachbarn zu tuscheln, welcher auf Anhieb mit macht, tuscheln und kichern – ein riesiges Gaudi nimmt seinen Lauf. Ihnen zuzuschauen ist wirklich herzig und lässt mich innerlich grinsen. Mir kommen etliche Szenen aus meiner Zeit als Skilagerleiterin in den Sinn. Die 5. Und 6. Klässler verhalten sich nämlich genau so, wenn es um das Thema verliebt sein geht. Ein präsentes Thema in diesem Alter, man getraut sich nicht darüber zu sprechen und tut es trotzdem ständig.

Die Tischrunde wird immer vergnügter, sie können sich allesamt nicht mehr wirklich beruhigen und schaukeln sich gegenseitig auf mit der eben gesponnenen Idee. Manche machen mit, andere kichern leise beschämt, immer mit einem scheuen Blick zu mir und was ich wohl denke. Als Marco schon längst wieder zurück an der Arbeit ist, dürfen sie dann auch wieder in Italienisch und vor Allem lauthals über den Tisch sprechen. Ich verstehe nicht alles, was da gerade so palavert wird, aber das bin ich mir mittlerweile mehr als gewohnt. Plötzlich kommt dann aber der Gedanke auf, dass Marco eigentlich auch schwul sein könnte, was für die ganzen soeben gesponnenen Pläne ein Hindernis darstellen würde.  Zugegeben, die Idee ist nicht ganz fadenscheinig, denn, Marco ist wohl einer der liebsten Menschen, den ich kenne und sein herzensgutes Auftreten könnte diesen Eindruck tatsächlich erwecken. Die Idee verfliegt dann aber wieder, da sie ja quasi der Geschichte jeglichen Witz nehmen würde.

Irgendwann muss ich mich zu fest konzentrieren, um nicht laut los zu prusten ob all der Dummheiten und vor allem auch dem Benehmen dieser erwachsenen Leute. So geh ich mit meinem Kaffee zurück ins Büro, wo ich das Getuschel und Gekicher noch eine Weile höre, schmunzle vor mich hin und denke an Rumpelstilzchen. Wie gut dass niemand weiss – dass ich Marco viel besser kenne als ihr alle denkt und vor Allem auch als ihr alle zusammen. Ich weiss zum Beispiel, dass Marco garantiert nicht schwul ist. Er ist ein treuer Katholik, der bei jedem katholischen Denkmal sich bekreuzigt und für den der Glaube wirklich sehr wichtig ist. Und das weiss ich, da ich vor einiger Zeit seine abendlichen Photos rund um und in Bellinzona entdeckt und im geschrieben habe, da auch ich öfters am Abend mit meiner Kamera unterwegs bin. Und so hat sich das eine oder andere ungerade Mal ergeben, dass wir spontan zusammen unterwegs waren am Photographieren und Diskutieren.

Die ganze Geschichte hat mich dann auch etwas zum Nachdenken gebracht. Denn, niemand in dieser Tischrunde scheint sich bis jetzt je mal mit Marco ein wenig unterhalten zu haben und etwas von ihm zu wissen und dies, obwohl er wirklich zu den allerliebsten Menschen hier gehört. Von ihm würde man wohl einfach alles kriegen, was man an Wünschen vorbringen würde. Ausserdem ist er ein interessanter Gesprächspartner, kommt mit seiner ruhigen Art aber eigentlich auch nicht gross zu Wort. Genauso wenig wie man hier weiss, was ich so alles am Feierabend mache. Spannend war auch, wie eine kleine Idee plötzlich so viel Anklang gefunden hat, alle haben schlussendlich mitgemacht, weiter gesponnen daran und auch Tage danach man mich noch damit aufziehen wollen und gemeint, ich reagiere irgendwie beschämt oder ertappt. Und eigentlich weiss niemand, wo mein Herz wirklich schlägt. Was zeigt, dass die Wahrheit nicht immer dort ist, wo man sie sich hindenkt und hinmalt. Ob Rumpelstilzchen wohl immer Recht hat!?

Geisterstunde im Schloss

Ende Juli, etwas bewölkt und es fängt schon früh an zu dämmern. Es ist angenehm warm draussen und unglaublich still. Bellinzona still halt. Aus reinem Jux fängt mein Gspändli an, einen Geist in einer der dunkleren Ecken von Montebello zu malen. Dieser taucht dann während dem ganzen Spaziergang immer wieder als running gag im Gespräch auf. Sei es auf der halbdunklen Terrasse von Sasso Corbaro, dahinter in den Bäumen oder zurück auf Montebello im Graben der Ziehbrücke. Schlussendlich verwandle ich den Geist dann noch in eine Sie. Schliesslich gab es sicher auch schon damals Frauen, die nicht ganz Regelkonform waren und sich nicht benahmen und dann mal verschwinden mussten. Oder man denke nur an all die überlieferten unglücklichen Liebesgeschichten. In all den Gedanken an Ritter, Prinzessinnen und eben auch Geister kommt es wie es schon fast provoziert war. Während ich die Treppenstufen im Dunkeln entlang der Mauer suche, höre ich ganz kurz eine Frauenstimme. Dann ist es wieder still. Mein Begleiter hat weder was gehört, noch sehen wir jemanden. Beim nächsten Spaziergang werd ich wohl meine Phantasien bezüglich Mittelalter und was da alles wohl geschehen ist in und rund um diese Steine wieder etwas zügeln.

Chinderlogik isch so herrlech angers

Während mir dusse uf d’Eutere warte fragt mi die Chlini 5 Jährigi nüchtern und ganz plötzlech usem nüt: „Hesch Du ke Maa?“ Ig verneine und mir chunnt uf das grad die berüehmti Wiesofrag vo Ching i Sinn. Bevor ig mir ou nume cha afah überlege, wie nig die wouh jetzt am Schläuschte söu beantworte, meint dr chlii Brüetsch: „Dr Maa, wo üsi Rad wächslet (Pneu am Outo), dä het ou kei Frou!“ Problem glöst!

Sehnsucht…

…nach der Vorfreude und dem leichten Kribbeln am Vorabend, bevor es endlich losgeht und nach dem Packen des Rucksack von Gstältli über Pickel zu Seidenschlafsack.

…nach den schweren Bergschuhen, mit denen man über wunderschöne Wurzelgebilde und glitzernde Steine wandert, Bergbäche überquert und herrlich blühende Bergwiesen erreicht voll von Enzianen, Flockenblumen und Silberdisteln.

…nach dem wunderbaren Duft der Kiefern, der mich immer an die Zeltferien vor über zwanzig Jahren in Frankreich erinnert.

…nach dem Picknick aus dem Rucksack, wo man sich gegenseitig (mit Ragusa) überrascht und über den Besitz von Sackmessern und deren Einsatz debattiert.

…nach dem Augenblick, wo man das allererste Mal die Fahne vor der Hütte sichtet und die gestreiften Fensterläden bewundert und sich schon vorstellen kann, wie gut der Kaffee auf dem Bänkli an der Sonne schmecken wird.

…nach dem herzlichen Willkommen des Hüttenteams, nach dem Schuh- und Pickellager im kalten Vorraum und nach dem feinen Znacht in der gemütlichen warmen Stube.

…nach dem gemeinsamen Studieren der Karte, nach dem Besprechen der bevorstehenden Route, nach dem Betrachten der Berge beim Eindunkeln und nach dem Beobachten der Steinböcke vor der Hütte.

…nach dem mir leise Zuflüstern, dass ich das garantiert schaffen werde, nachdem ich ob der Gruppenhysterie über Schlüsselstellen und Verhältnisse etwas Panik kriege und ich mich dafür darum kümmere, Schuhe vor der Nachtfeuchte zu retten, den Hüttentee aufzufüllen und dafür sorge, dass nicht mal eine Sonnenbrille vergessen wird.

…nach dem Massenlager mit dem leisen Schnarchen, nach all den Gedanken an Gipfel und Routen vor dem Einschlafen, nach dem Nachts Aufwachen und dem Spüren der kratzenden Wolldecke auf der Haut, nach dem Betrachten des sternenklaren Himmels beim Aufstehen und den eiskalten Händen, wenn man zurück ins Bett steigt.

…nach dem Moment mitten in der Nacht, wenn der Wecker los geht und man sich fragt, wieso man sich das eigentlich immer wieder antut.

…nach dem Moment, wo um drei Uhr morgens das Frühstück wortlos über den Tisch geht und man mehr oder weniger amüsant gewisse grummlige Gesichter beobachten kann.

…nach dem Augenblick, wo man seine sieben Sachen im Gewimmel sucht, nach dem das vor der Hütte stehen in der Dunkelheit um zu spüren, wie kalt es wirklich ist, nach dem Moment wo man fixfertig parat am Warten ist, bis alle marschbereit sind und es endlich los geht.

…nach dem Moment, wo man seinen Körper langsam mit ein paar Schritten in Schwung bringt und, die frischen Bergluft auf dem Gesicht spürt, den gigantischen Sternenhimmel bewundert und genau weiss, wieso man sich das antut.

…nach dem Gedanken, dass es bei diesem hellen Mondschein die Stirnlampe eigentlich nicht braucht und nach dem wortlosen Gehen, wo man einfach den Körper und sich spürt und die Schritte der Gruppe hört, ganz versunken in Gedanken.

…nach dem Fingerabfrieren beim Steigeisen anziehen, nach dem Einschlaufen des Seils und nach dem Knoten binden.

…nach dem Knirschen der Eisen auf dem Eis, nach dem Spüren des Gewichtes des Pickels in der Hand, nach dem Bewundern der Spalten rundherum und nach den Gedanken über wie‘s wäre, wenn’s jetzt einfach zu Ende gienge.

…nach dem langsam Heller-werden, nach dem Erröten des Morgenhimmels und der Berge rundherum und nach dem ersten goldenen Sonnenstrahl auf dem höchsten Zacken.

…nach dem Bewundern der Bergwelt ringsherum und dem Raten, welche Namen die Gipfel tragen, nach dem Staunen über die Insekten auf dem Schnee und nach dem stahlblauen Wasser unter dem Eis.

…nach dem mal wieder Bemerken, dass mein analoger Föteler bei diesen Temperaturen einfach nicht will und das nachdem er mir genervt aus dem obersten Rucksackfach geholt wurde. Das Thema Sonnencreme im gleichen Fach lassen wir hier mal…

…nach dem Klettern über Felsen, nach dem vor mir gepfiffenen Totenmarsch dabei, den ich wohl x Mal verflucht habe, genauso wie das coole auf dem Stein sitzen, plöiderlen und dabei das Seil lockern, während man am Sichern ist und auch Sehnsucht nach dem Gefühl in diesem Moment einfach bei sich, seinem Körper und seiner Angst zu sein und trotz Allem seinem allerbesten Freund blind vertrauen zu dürfen und zu spüren, ein Team zu sein.

…nach dem Gipfumüntschi, wenn man es schlussendlich geschafft hat und sich selber und den Gipfel besiegt hat, nach der riesigen Freude dort oben und nach dem überglücklichen Bewundern des Panoramas und nach dem Fühlen von totaler Freiheit und nach dem damit verbundenen Wunsch, da zu bleiben.

…nach einem schönen Abstieg mit kleinen Kletterpartien und langen Schneeflanken zum Runter hüpfen, nach dem Augenblick, wo die Sonne wieder so viel Kraft hat, dass man kurzärmlig unterwegs ist.

…nach all den guten Gesprächen weit weg vom Alltag und nach all den neu gesehenen und gesetzten Zielen.

…nach der Natur und den Bergen und nach einer ärdenschönen und tief vertrauenden Freundschaft, mit der dies alles erst möglich ist…

Mein lieber April

Schön, dass Du bi üs bisch, entweder no nid würklech ganz gange oder z’früeh ume cho. Ou wenn ig muess gestah, irgendwie isch es scho chli schreg Dis Ufträte, aber mängisch isch ou süscht aues chli verdräiht, jetzt bisch jedefaus da! Erscht vor zwe Täg, ha nig mir die erschte Schneeflöckli herbi gsehnt, ha das mit em Summer mau scho wieder gseh für hür, und schiinbar isch mi Wunsch subito umgsetzt worde! Und natürlech fröi ig mi wahnsinnig über die chüeleri Luft und ä herrlech agnähmi Nacht!

Ig weiss, Du bisch sehr luunisch, mau schön, de ir nächschte Stung es Gwitter. Konstanz isch nid so Dis Ding. Das macht Di ja ou us und drum so ungloublech spannend. Aber, tatsächlech chunnt da jetzt es aber, wenn Du scho Zmitts im Summer unerwartet Dini Luune chunnsch cho usläbe, wärs ächt da viellecht müglech, die Wächsle vo brätschheiss zu chaut, dass me z’Gfüeuh het me verfrüürt schier, über Nacht z’mache? Es isch tatsächlech nid so luschtig, wenn me am Morge bi auerschönschtem Wätter, nachere z‘warme Nacht z’Huus verlaht, im Jupe und churzermlig, und am Abe bim Heiloufe z’Gfüeuh het, d’Zäihe i de Sandale sige grad wie wenn me frürrend ire Ischwang steit und wartet, dass me sech darf ushänke und zum nächschte Tritt ufstiege, quasi abgfrorre toub auso. Wenigschtens ganz weni, chönntsch Dir id Charte lah luege und ä Tagesverlouf eifach chli mit Sunne und Gwitter dürenang bringe und das mit de Temperaturschöck uf d’Nächt vertage, so dass me nid mit em ganze Chleiderrepertoir muess use gah nume, dass me für aui Fäu gwappnet wär. A Rägeschirm z’dänke längt da fürig!

Wenn man es mit dem Leben zu tun hat

Manchmal, da habe ich Angst. Angst davor nach Hause zu gehen. Angst, weil ich nicht weiss, ob und wen ich dort antreffen werde. Und dies vor allem dann, wenn seltsame Dinge geschehen, Sachen, welche ich rational nicht mehr erklären kann. Und eigentlich nur deshalb, weil ich auf meinem bisherigen Weg gelernt habe, dass die Willkür und die Unberechenbarkeit mancher Menschen grenzenlos ist. Und dann fängt mein Hirn plötzlich an, irrationale Ängste hervor zu rufen.

Mitten in einem meeting spüre ich das Vibrieren des Telephons. Später, als wir fertig sind, schaue ich darauf – ein Anruf, per whatsup. Von meinem Abwart. Wenn er es überhaupt noch ist, denn kürzlich war da eine andere Person zuständig. Aber halt mal, das Profilbild. Diese Schwarzweisszeichnung, das bin ja ich! Das ist exakt mein jetziges Profilbild, aber nicht als Foto, sondern gezeichnet, wie eine Bleistiftzeichnung. Was soll das? Spinnt mein Natel wieder und produziert komische Sachen? Aber nein, meine Kollegin, als sie ihn ins Adressbuch aufnimmt, sieht das genau gleiche Bild. Ich hab ein Dejà-vue, ein ziemlich Reales.

Ein paar Monate zurück. Auf einer wunderschönen Bergtour im Tessin treffen wir bei schönstem Sonnenschein auf einem Gipfel, etwas versteckt in den Steinen, einen kleinen Schneemann aus frischem Herbstschnee. Ich hatte so viel Freude an ihm und dass er dort in den Steinen noch nicht der Sonne zum Opfer gefallen ist, dass sein Foto zu meinem Profilbild in Whatsup wurde. Einige Wochen später ein Anruf, auch damals mittels whatsup. Unbekannte Nummer. Doch, auch auch schon da, exakt mein Schneemannfoto ist auch sein Profilbild, damals jedoch nicht als Zeichnung. Das ist nicht möglich, er kann nicht exakt das gleiche Foto geschossen haben und den exakt genau gleichen Ausschnitt gewählt haben wie ich! Zumal ich auch nicht glaube, dass dieser Schneemann von so vielen Leuten entdeckt wurde. Aber wie kommt er an mein Bild? Laut Einstellungen sollte das niemand sehen können, der mir unbekannt ist. Ein Freund hat auch damals die Nummer dann in sein Adressbuch aufgenommen und bestätigt, das Profilbild ist das Selbe, daraufhin sogar angerufen und eine italienisch sprechende Person am Apparat gehabt. Wie das alles möglich war, weiss ich bis heute nicht.

Aber, genau wie heute, habe ich es auch damals mit der Angst zu tun gekriegt. Meine Logik stiess an ihre Grenzen und die irrationalen Gedanken haben sich angefangen zu verbreiten. Nicht ganz grundlos. Da ist noch eine offene Rechnung, eine offene Rechnung über Jahre schon mit einem Menschen, dessen Lebensaufgabe ist, andere grundlos zu schädigen und mit Freude sie kaputt zu machen und zwar ziemlich wahllos. Ich kenne seine Unberechenbarkeit nur zu gut und obwohl ich diese Geschichte längst abgegeben und so auch etwas vergessen habe, lauert sie halt doch irgendwo im Hinterkopf. Und genau dann, wenn Dinge geschehen, welche suspekt sind, kommt sie wieder zum Vorschein. Und ich spüre die Angst vor menschlichem Verhalten, wenn Vernunft keine Chance mehr hat. Bin mir bewusst, dass ich einmal genau vor dieser Unvernunft stehen könnte, dieser Speziellen oder eben der Unvernunft ganz anderer Leute. Und genau dann gehe ich nicht mehr mit Leichtsinn durch die Strassen, sondern ziemlich gefasst. Nehme plötzlich war, wer sonst noch so um mich herum ist und meine Gedanken sind nicht mehr irgendwo am herumflattern, sondern genau da auf der Strasse, wo auch ich bin. Und, es sind auch die Momente, wo ich einfach am Liebsten nicht nach Hause gehen würde, sondern weit weg nach oben in die Bergen, fernab von komischen, unmöglichen und unvernünftigen Spinnern. Dorthin, wo ich mich zu Hause und deshalb auch sicher fühle. Denn, auch wenn diese beiden unerklärlichen Situationen das Resultat irgendwelcher oberkomischen technischen Fehler sind und sowieso nur Zufälle, die seltsamen und auch mutwillig bösartigen Menschen gibt es leider trotzdem und man weiss nie, wann man ihnen begegnet.

La giornata mondiale del bacio

Prinzipiell kann man ja jeden Tag etwas Neues lernen, vorausgesetzt natürlich man möchte das. Manchmal jedoch brauch ich etwas länger, um gewisse Sachen zu verstehen. Der internationale Tag des Kusses. Also wie bitteschön? Als ich das lese, stehe ich mehr vor einem Rätsel, als dass ich begreifen würde, was das nun bedeutet, internationaler Kusstag. Heisst das, man küsst heute seinen Partner einmal mehr als nur beim obligaten „Auf-Wiedersehen-bis-später-Schatz-Kuss“? Oder meint dies, heute ist es erlaubt, irgendeine Person auf der Strasse zu küssen, wenn man dazu gerade Lust und Laune hat? Oder werden heute Rekorde im Küssen aufgestellt? Neue Kussvarianten ausprobiert? Ist das ein Tag für Pärchen oder haben da Singles auch was davon? Küsst man sich heute durch alle Frösche durch, bis man DEN Prinzen gefunden hat?

Genau, eigentlich geht’s mir gar nicht um den Tag des Kusses im Speziellen. Es gibt nämlich auch den internationalen Tag der Familie, der internationale Tag der Artenvielfalt, der internationale Tag der alten Menschen, der internationale Tag der Pressefreiheit, der internationale Tag des Glücks, der Weltmusiktag und so weiter und so fort. Tagtäglich wird da also einer bestimmte Sache global gedacht, sie geehrt und gefeiert. Und bei all dem frag ich mich halt, ob nicht Lewis Carrolls Alice vielleicht etwas weiser war, obwohl diese Geschichte vor fast schon 150 Jahre geschrieben wurde. Da wird nämlich postuliert, statt einmal im Jahr Geburtstag, doch 364 Tage im Jahr den Nichtgeburtstag zu feiern.

Würde unsere eigene kleine Welt vielleicht ein wenig charmanter werden, wenn wir statt einmal im Jahr einen riesen Blumenstrauss zu schenken, öfters mal die Eltern mit einer Sonnenblume überraschen würden? Wenn man sich mal wieder bewusst Zeit nimmt, um einem Menschen zuzuhören, dem es gerade nicht so gut geht? Wenn wir den Nachbarn ein selbstgebackenes Muffin überbringen und ein bisschen mit ihnen schwatzen? Oder, wenn man seinen liebsten Freunden eine Postkarte von Hand schreibt, um sie wissen zu lassen, wie sehr man sie im eigenen Leben schätzt und wie gerne man sie hat? Man sich die Zeit nimmt, einen krebskranken Menschen zu besuchen, um mit ihm einen Tag zu verbringen und ihm vielleicht einen kleinen Traum erfüllt? Oder einfach einem Menschen einen Fehler verzeiht ohne sich mehr darüber zu ärgern? Einem Kind die Hand hin streckt und sich seine Sicht der Welt anhört? Oder eben, wenn man einen lieben Menschen mal nicht nur flüchtig, sondern wieder mal innig umarmt und in mit voller Inbrunst küsst? Und für all das braucht es eigentlich weder einen festgelegten Tag, noch Globalität, sondern nur die eigene Phantasie und Kreativität. Es leben die internationalen Tage der spontanen und herzlichen Menschlichkeit!

Fahrt durchs Sommergewitter

Noch nicht lange her, da ist eine Postkarte ins Haus geflattert, auf welcher auf der Vorderseite ganz gross geschrieben steht: „Life isn’t about waiting for the storm to pass. It’s about learning how to dance in the rain“. Dieser Spruch hat ganz klar etwas Tiefgang und man könnte ihn an dieser Stelle auseinandernehmen und interpretieren. Man kann ihn aber auch Wort für Wort nehmen und das habe ich heute praktisch fast gemacht. Leisen Gerüchten wegen, dass es am Dienstag wieder mal etwas regnen soll, habe ich heute, an diesem besagten Dienstag, beim Morgenessen das Meteoapp studiert. Tatsächlich, Regen ist angesagt, aber erst um 18 Uhr. Exakt genau zu dieser Zeit, wo ich das Büro verlassen möchte, um in den Fitnesskurs zu fahren. Mit dem Fahrrad versteht sich, in diesem Bezug bin ich noch weit weg, Tessinerin zu werden. Der Prognosen und vor Allem aber dem da schon sehr tief grau hängendem Himmel wegen, pack ich meine Regenhose und die Jacke ein. Im Verlauf des Tages hellt sich das Wetter jedoch auf und als ich vom Mittagessen zurückkomme, ist es ziemlich warm und sonnig und ich denke mir in diesem Moment, dass meine mitgebrachte Regenmontur doch etwas übertrieben ist. Diese Gedanken werden noch unterstützt von den Erfahrungen der letzten Zeit in Sachen Wetterhervorsagen, meist war es schlussendlich immer um einiges besser als gemeldet.

Die letzte halbe Stunde meines Arbeitstages verbringe ich im Büro und trotz Dachfenster merk ich, dass es zunehmend dunkler wird. Mir schwant übles. Und tatsächlich, fast pünktlich auf den sechs Uhr Glockenschlag fängt es an, riesige Tropfen auf das Dachfenster zu prasseln. Und riesige Tropfen heisst meist, dass dies nur der harmlose Anfang ist. Und so fahr ich schlussendlich in einem warmen, aber heftigen Sommergewitter zu meinem Kurs. Und statt mich aufzuregen, erinnere ich mich an den Spruch auf der Postkarte und fange an zu Lachen und die Fahrt einfach zu geniessen, mitten durch jede Pfütze. Patschnass komm ich an und beim Hinaufgehen der Treppe begegne ich Sam, unserem Trainer, der mich etwas sprachlos und mit grossen Augen anschaut und wohl dabei denkt, die Spinnen die Deutschschweizer! Spätestens wenn er dieselbe Postkarte kriegt wie ich, wird er mich sicher verstehen können!

Von kleinen und grossen Kindern und wie man selber ständig dazu lernen kann

Nach einem ungeplant verregneten Samstagnachmittag, aber nicht weniger gemütlich bei Kaffee und Schwatz, beschlossen wir, als das Wasser endlich nur noch tropfweise statt in Bindfäden vom Himmel kam, noch etwas die Beine zu vertreten. Schon da wohl hatte das ganze Problem seinen Lauf genommen. Die kleine Dreijährige fand den Vorschlag vom Spazieren gehen gerade alles andere als toll. Spielen mit dem neu gefundenen Kamerädli auf dem Zeltplatz wäre ziemlich fägig gewesen, spazieren mit Erwachsenen, und dann auch noch ohne Velo, eher nicht so. Manchmal gibt es jedoch keine andere Wahl als zu gehorchen, vor Allem, wenn es drei zu eins ist. Doch, der Widerstand gab nicht einfach so auf. Schnell kam die Idee vom Huckepack und so liess sich der Papa darauf ein, aber ganz klar, auf die Schultern solls erst beim Schild da Vorne gehen. Sie meinte hingegen, beim Stein sei es angemessen, was notabene nur ein paar Meter näher bei uns war. Aber es ging schlicht ums Prinzip. Darauf entgegnete der Papa, der Deal sei das Schild und begann, ohne weitere Diskussionen zu führen, auf dieses zuzugehen. Es kam, wie es kommen musste. Es fing mit weinen an und artete in ein riesiges Geschrei aus. Unstoppbar für sicher eine halbe Stunde. Sie liess sich durch nichts mehr beruhigen und war einfach so richtig am Toben. Sie war so ausser sich, dass nicht mal mehr das Spüren einer Umarmung was gebracht hat, völlig vom Boden abgehoben, total in den Tränen und am Schreien, was die Stimme hergab. Einer der Momente, wo ich froh war, keine Mutter zu sein. Aber wahrscheinlich kriegt man die Nerven dazu bei der Geburt mitgeschenkt. Eine Vater-Tochter Konversation half dann schlussendlich doch noch zur Beruhigung und bald schon war alles vergessen und nun war es die Kleine, welche noch weiter spazieren wollte.

Später diskutierten wir zu Dritt, was wohl die beste Lösung in diesem Moment gewesen wäre. Hätte man nachgeben sollen? Wäre der Schlüssel zum Erfolg der gewesen, mit ihr eine Diskussion zu führen, wo beide ihre Standpunkte vertreten hätten? Sollte das Kind ab und zu auch Recht bekommen? Oder sollte man sich einfach in einem Kompromiss finden? Es ist nicht leicht, Eltern zu sein und immer den richtigen Weg zu finden und diesen zu gehen. Da ist manchmal guter Rat teuer.

– Szenewechsel –

Nachdem ich die Aufgabe schon mal mit ihm durchgekaut haben und auf Widerstand gestossen bin diesen task schnellst möglich in die Agenda aufzunehmen, habe ich mich eines kleines Umweges entschieden, seine Naivität mit einem kleinen Trick ausgenutzt. Eine stupide Frage vor dem Chef und dann war klar, dass die Aufgabe einen Dringlichkeitswert hat und geplant werden muss, subito. Doch hier nahmen die Dinge wohl auch schon ihren Lauf. Montagmorgen. Die besagte Aufgabe wird zu meinem Erstaunen schon heute in Angriff genommen. Der Weg des geringsten Widerstandes führt dennoch über ein wenig Extraarbeit. Statt das bisher vorhandene Material zu gebrauchen und zu messen, wird sogar neues Material gesammelt und die Konzentration bestimmt. Aber, leider Fehlschlag, Konzentration zu tief. Zurück zum alten Material. Da fehlt die Konzentration aber eben auch. Die Aussage, dass diese irgendwann mal gemessen wurde und sicher genau von diesem noch vorhandene Material ist, stösst bei mir auf taube Ohren. Der Satz mit dem Inhalt, ich denke, geht einfach nicht. Ich bleibe hart, so lange es nicht auf dem tube steht, machen wir keine ich-glaube-Wissenschaft, wir produzieren Fakten. Nicht nur, dass das Widerholen der Messung Zeit kostet, was ich nicht weiss und erst später erfahre, dass er den Nachmittag als frei geplant hat. Was wohl aber schlussendlich massgeblich dazu führt, dass eine Kleinigkeit in eine Diskussion ausartet. Dabei bleibe ich bei meiner Meinung und mache ihm klar, dass er das Experiment ansetzen und diese Messung später nachholen kann und ihm zusätzlich sogar noch anbiete, sie sogar für ihn durchzuführen. Er trotzt aber, und schlussendlich läuft er unter ziemlichem Gefluche davon, quasi mitten aus der Diskussion.

– Szenewechsel –

Später sitze ich mehr oder weniger frustriert an meiner Arbeit, ein Moment, wo ich Zeit zum Denken habe. Es geht mir vieles durch den Kopf. Wieso kann ich nicht einfach in Frieden und glücklich mein Projekt haben, ohne unmotivierte Leute zu führen. Wieso werde ich in diese Rolle gezwängt, die mir so etwas von nicht liegt. Ich bin kein Alphatier, führe nicht gerne, fühle mich nicht wohl, wenn ich was bestimmt sagen muss und, ich bin einfach mündlich nicht immer gleich mit den besten Gedanken und Sätzen ausgerüstet um genau jetzt zu reagieren. Ich brauche Zeit zum Überlegen und mir Gedanken zu machen und bin für genau solche Debatten zu wenig gewappnet. In Mitten dieser Gedanken besinn ich mich aber dann, dass auch ich meine Hürden habe im Berufsalltag, Hindernisse, welche ich meistern muss, und dass dies gerade Eines davon ist. Dass ich die Aufgabe angenommen habe und nun genau davor stehe. Dass die Lösung nicht ist, davon zu rennen, sondern sich ihr zu stellen und sich damit zu beschäftigen. Und auch, dass ich gewöhnlich nicht einfach aufgebe, wenn es nicht gerade weiter geht. Ja, es stimmt, ich habe einen Befehl erteilt, aber, ich habe es in einem netten Tonfall und erklärend gemacht und, ich habe sogar noch meine Hilfe angeboten, welche strikte abgelehnt wurde. Wieso kam es dann trotzdem zu solch einer heftigen Reaktion, welche schlussendlich mich getroffen hat? Und, wieso lief er mir einfach davon, mitten aus der Diskussion, was einfach keine Lösung für irgend ein Problem ist? Was muss ich das nächste Mal anders machen, damit der Frust beidseitig nicht mehr aufkommt?

Plötzlich kommt mir das tobende Mädchen in den Sinn. Irgendwie hat sich trotz 30 Jahren Altersunterschied zwischen den Beiden, gerade eine ähnliche Situation abgespielt. Beide konnten ihren Willen nicht durchsetzen und beide haben sich deshalb lauthals gewehrt und geweigert, in eine gemeinsame Richtung zu gehen. Aber, im Gegensatz zum Mädchen, mit dem man schlussendlich dann diskutieren konnte, das mich am Ende des Tages herzlich und fest zum Abschied umarmt hat und dadurch alles hat vergessen lassen, ist er mir aus dem Weg gegangen, nach dem Mittag einfach wortlos verschwunden, garantiert meiner Anweisung nicht gefolgt und ich habe mich durch die ganze Situation frusten lassen. Kleine Kinder kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen. Wie man sich am Besten verhält, wenn die Grossen am Trotzen und Toben sind, damit sie sich schnell beruhigen, das Ganze einen anderen Verlauf nimmt und man als Gewinner die Situation in den Griff kriegt, ist mir noch ein Rätsel. Es wird mir wohl in der nächsten Zeit noch so einiges abverlangen, indem ich an mir selber arbeiten muss und dadurch wachsen kann.

Ein Hauch von Sommerferien

…verschlafen, aber nicht als Einzige; das allererste Mal ein Hirsch gesehen und erst noch ein Jungtier; ein wunderschöner Wanderweg mit Blick auf sopra und sotto erwandert; Sonne getankt während Stunden; gwundrigen Geissen begegnet; den frische Wind auf der Hüttenterrasse auf der Haut gespürt; immer noch mit der Freude vom ersten Tag die neuen Schuhe eingelaufen; mal wieder tausende von wunderschönen Steinen beinahe aufgelesen; glücklich entdeckt, dass Fitness auf gewohntem Level zurück ist und work life balance deshalb wieder stimmt; schnatternde Frauen in den Blumen mit Kopfschütteln zugeschaut; interessante Konversationen in drei Sprachen geführt; den Klang von Kuhglocken aus der Ferne wahrgenommen; einer tobenden Tessinerin mit Mitleid für den danebenstehenden Mann entflohen; verschiedenen Vegetationen begegnet; voller Erstaunen und Stolz das Finsteraarhorn erkannt und dann noch ganz viele andere Berner dazu; selfie mit der Spiegelreflex am Boden liegend gemacht und dabei herzlich gelacht; einem fremden Hund mit lustigen Federohren zu trinken gegeben; mit Wonne dem Tessinerdialekt gelauscht; wunderbare wilde Lilien entdeckt; Kombination Kaffee und Bier kennen gelernt, ein feines Apéro vom mercato genossen; Gäste bewirtet, welche sich über zu viel gegessen beklagt haben; ein herrliches Dessert geschenkt bekommen – und nun mit einem Glas Weisswein den Abend ausklingen und ein unvergessliches Wochenende mit tollen Freunden revue passieren lassen. Com’è meravigliosa la vita quando dimentichi che sia weekend e ti senti in vacanza!