In gewissen Situationen kommt es mir manchmal vor, als wäre der einzige Unterschied von Kindern zu Erwachsenen nur die äusserliche Erscheinung. Wir sitzen am Mittagstisch und wie immer, geht es ziemlich italienisch zu und her, sprich, eher zu laut für mich. Die Leute schreien sich schlicht an und jeder versucht seinen Worten möglichst viel Kraft zu geben, indem das Volumen verstärkt wird statt fertig zuzuhören und dann zu sprechen. Das Ganze wird dann noch durch die Resonanz an der netten Dachschräge amplifiziert. Wohl oder übel habe ich wohl mal wieder nicht so viel verstanden in dem Chaos oder mich halt einfach wirklich mal wieder ausgeklinkt durch unbewusstes auf standby schalten. Jedenfalls gebe ich auf die Frage nach einem Feriengspändli scheinbar die gleiche Antwort in Englisch, wie kurz davor Marco vis-à-vis von mir auf dieselbe Frage in Italienisch geantwortet hat, es fehlt Eines. Und schwupps, da kommt doch dem einen Italiener am Tisch kurzerhand die Idee, dass zwischen mir und Marco ja eine Gemeinsamkeit besteht, oha, und dass man uns deshalb doch verkuppeln könnte. Mit wohlverstanden vierzig Jahren Lebenserfahrung kann er dies aber nicht einfach so als lustigen Gedanken auf den Tisch bringen oder sogar einen ernsten Vorschlag machen, zusammen in die Ferien zu fahren. Nein, wie damals als Grundschulbub fängt er an zu grinsen, hinter vorgehaltener Hand mit seinem Nachbarn zu tuscheln, welcher auf Anhieb mit macht, tuscheln und kichern – ein riesiges Gaudi nimmt seinen Lauf. Ihnen zuzuschauen ist wirklich herzig und lässt mich innerlich grinsen. Mir kommen etliche Szenen aus meiner Zeit als Skilagerleiterin in den Sinn. Die 5. Und 6. Klässler verhalten sich nämlich genau so, wenn es um das Thema verliebt sein geht. Ein präsentes Thema in diesem Alter, man getraut sich nicht darüber zu sprechen und tut es trotzdem ständig.
Die Tischrunde wird immer vergnügter, sie können sich allesamt nicht mehr wirklich beruhigen und schaukeln sich gegenseitig auf mit der eben gesponnenen Idee. Manche machen mit, andere kichern leise beschämt, immer mit einem scheuen Blick zu mir und was ich wohl denke. Als Marco schon längst wieder zurück an der Arbeit ist, dürfen sie dann auch wieder in Italienisch und vor Allem lauthals über den Tisch sprechen. Ich verstehe nicht alles, was da gerade so palavert wird, aber das bin ich mir mittlerweile mehr als gewohnt. Plötzlich kommt dann aber der Gedanke auf, dass Marco eigentlich auch schwul sein könnte, was für die ganzen soeben gesponnenen Pläne ein Hindernis darstellen würde. Zugegeben, die Idee ist nicht ganz fadenscheinig, denn, Marco ist wohl einer der liebsten Menschen, den ich kenne und sein herzensgutes Auftreten könnte diesen Eindruck tatsächlich erwecken. Die Idee verfliegt dann aber wieder, da sie ja quasi der Geschichte jeglichen Witz nehmen würde.
Irgendwann muss ich mich zu fest konzentrieren, um nicht laut los zu prusten ob all der Dummheiten und vor allem auch dem Benehmen dieser erwachsenen Leute. So geh ich mit meinem Kaffee zurück ins Büro, wo ich das Getuschel und Gekicher noch eine Weile höre, schmunzle vor mich hin und denke an Rumpelstilzchen. Wie gut dass niemand weiss – dass ich Marco viel besser kenne als ihr alle denkt und vor Allem auch als ihr alle zusammen. Ich weiss zum Beispiel, dass Marco garantiert nicht schwul ist. Er ist ein treuer Katholik, der bei jedem katholischen Denkmal sich bekreuzigt und für den der Glaube wirklich sehr wichtig ist. Und das weiss ich, da ich vor einiger Zeit seine abendlichen Photos rund um und in Bellinzona entdeckt und im geschrieben habe, da auch ich öfters am Abend mit meiner Kamera unterwegs bin. Und so hat sich das eine oder andere ungerade Mal ergeben, dass wir spontan zusammen unterwegs waren am Photographieren und Diskutieren.
Die ganze Geschichte hat mich dann auch etwas zum Nachdenken gebracht. Denn, niemand in dieser Tischrunde scheint sich bis jetzt je mal mit Marco ein wenig unterhalten zu haben und etwas von ihm zu wissen und dies, obwohl er wirklich zu den allerliebsten Menschen hier gehört. Von ihm würde man wohl einfach alles kriegen, was man an Wünschen vorbringen würde. Ausserdem ist er ein interessanter Gesprächspartner, kommt mit seiner ruhigen Art aber eigentlich auch nicht gross zu Wort. Genauso wenig wie man hier weiss, was ich so alles am Feierabend mache. Spannend war auch, wie eine kleine Idee plötzlich so viel Anklang gefunden hat, alle haben schlussendlich mitgemacht, weiter gesponnen daran und auch Tage danach man mich noch damit aufziehen wollen und gemeint, ich reagiere irgendwie beschämt oder ertappt. Und eigentlich weiss niemand, wo mein Herz wirklich schlägt. Was zeigt, dass die Wahrheit nicht immer dort ist, wo man sie sich hindenkt und hinmalt. Ob Rumpelstilzchen wohl immer Recht hat!?