Lang ist’s her…

Seit ein paar Wochen treff ich beim Nachhausekommen häufig auf drei bis vier Jungs im Alter von etwa sechs bis acht Jahren am Spielen. Entweder sind sie aus dem Winterschlaf erwacht, neu hinzugezogen oder haben ihr Revier vergrössert. Jedenfalls scheint seit Neustem unser Hauseingang mit dem Strauchgebüsch ein idealer Versteckplatz und der Innenhof eine beliebte Spielfläche zu sein. Wenn ich sie nicht antreffe, so höre ich sie zumindest meistens während ich am Kochen bin. Oft schaue ich ihnen eine Weile zu und muss schmunzeln, auch dann, wenn ich natürlicherweise kaum bis gar nicht zurück gegrüsst werde. Auch wenn ich das manchmal selber noch nicht wahrhaben will, mittlerweile gehöre ich auch zu diesen Erwachsenen, diesen so unglaublich anderen Wesen in der kleinen Kinderwelt. Vor denen man Respekt hat und lieber verschwindet als sich auf eine mögliche Diskussion einzulassen. Und, dann erinnere ich mich jeweils zurück wie wir in unserer Strasse aufgewachsen sind. Das war eine bunt zusammen gewürfelte  Bande! Längst war nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Da hat man gezofft, einander an den Haaren gezogen oder mal zugebissen. Und natürlich gab es auch diese Eltern, welche sich da einmischen mussten, was nicht unbedingt immer vorteilhaft war. Oft waren wir aber auch eine grosse Bande, haben die beiden Blockeingänge als Wohnungen missbraucht und Familienrollenspiele ausgetragen. Manchmal mit Einbezug von Kindergeschirr und Puppen, manchmal einfach nur mit Gegenständen in der Phantasie. Und wohlverstanden, ohne smartphone, tablet oder ähnliches. Gespielt wurde mit reiner Vorstellungskraft, nachdem man sich gegenseitig rausgeläutet hat. Oder, wenn man noch nicht klingeln gehen durfte aus Gründen von unpassender Uhrzeit oder weil Sonntag war, hat man einfach genügend Lärm produziert, damit die Anderen drinnen aufmerksam wurden. Kein whatsup chat war da nötig, kein vorheriges abmachen. So oft es ging waren wir draussen am Rumziehen, spielen und die Welt am Geniessen. Zum Leidwesen eines älteren etwas sensiblen Ehepaares. Wir waren halt wohl auch nicht immer gerade leise. Waren wir doch eine rechte Bande.

Natürlich gab es neben Müetterlen auch Spiele mit mehr Bewegung. So konnten und durften wir das ganze Quartier umrunden, quer durch den Garten des Arztes abkürzen. Das gab immer wieder herrliche Versteckspiele und Schnitzeljagden. Einzig, der schmale Pfad vor der Arztpraxis musste leise begangen werden. Wenn ich zurück denke, möchte ich gerne wissen wie leise wir da wohl waren. Vor allem, weil auf der anderen Hausseite der Mittelpunkt eines unserer Lieblingsspiele war. Da gab es einen Hüter und einen Kessel. Er musste die Anderen suchen, während diese sich versteckten, um in einem guten Moment den Kübel mit einem lauten „Chübelium“ umzukicken und alles fing von Vorne an. Ausser natürlich der Hüter konnte jemanden finden und packen. Dann wurde dieser zum Hüter. Der Garten hatte noch andere tolle Sachen, zum Beispiel eine Hängematte, bei welcher wir Kleinen aber nie den Vorrang hatten. Oder einen leer stehenden Swimmingpool. Daneben blaue Fässer mit eingelegten Brennesseln, sie stanken fürchterlich. Alles musste entdeckt werden und gehörte irgendwie einfach uns. Ausser die Meertrübeli, da mussten wir immer aufpassen, dass wir sie ja unbemerkt abzupften und bevor die Grossmutter des Sandkastenkollegen uns erwischte, wenn sie aus dem Fenster geschaut hatte. Wohl aber genauso, wie ich das heute auch mache, wenn ich die Jungs draussen höre und ihnen dann einfach mit einem Lächeln zuschaue, wie sie verstohlen um die Hausecken streichen, immer gefasst, dass gleich jemand auf den Balkon tritt.

Auch Mutproben gehörten dazu. Neben unserem Block gab es einen Zaun auf einer hohen Mauer hinunter in einen verwunschenen Garten. Dort im Haus wohnte nicht nur ein mürrisches Ehepaar, der ebenso mürrische Hund war oft im Garten unten anzutreffen. Wenn er nicht gerade am rumläutschen war. Was damals auch noch vorkam. Manchmal kam es halt dann auch vor, dass einer unserer Bälle den Zaun übersprang und in den Garten runter flog. Kann mich noch gut erinnern, was das für eine Mutprobe war, das erste Mal über den verbotenen Zaun zu klettern und über den Baum in den Innenhof runter zu kommen und den Ball zu retten. Mit der Angst im Nacken, die Eltern könnten just in dem Moment auftauchen und mich erwischen wenn ich unten bin oder irgendwo erwache ein lauernder Hund und kommt bellend auf mich zu gerannt lasse mich auffliegen. Nach der ersten Mutprobe war es dann schon fast ein Spiel, immer mal wieder dort nach Unten zu klettern und die Entdeckungsreisen fortzusetzen.

War das Wetter nicht unbedingt zum Draussen sein, so trafen wir uns zum Monopoly spielen. Wobei wir beide Geschwister immer übers Bett gezogen wurden – wir hatten keine Ahnung von Geld oder Geld verwalten währen der Sandkastenkollege ein richtiger Banker und Gauner war. Mittlerweile ist er übrigens Anwalt und wir pokern zusammen. Aber dass er immer noch mehrheitlich gewinnt hat sich nicht geändert. Ein anderes Spielkamerädli wurde Diatköchin, arbeitet nun in einem Krankenhaus. Eine Dritte wurde Coiffeuse, macht nun aber Fliessbandarbeit. Einer unserer Spielkameraden landete mal eine Weile im Gefängnis, seine Schwester wurde früh Mutter, nun alleinerziehend. Wieder ein Anderer ist Designer, wohnhaft in London, eine Ärztin hat‘s gegeben. So manches Elternpaar ist nicht mehr zusammen, von verstorben zu geschieden bis zu outings über Homosexualität. Von Manchen weiss niemand mehr, wo sie wohnen, was aus ihnen geworden ist. Die Kontakte haben sich verflüchtigt, die Spuren sich zum Teil verloren. Kaum jemand wohnt noch da, wo wir aufgewachsen sind. Eine Strasse in einem kleinen Dorf, eine gemeinsame Kindheit uns so viele verschiedene Wege und Schicksale. Was wohl aus meinen Jungs hier mal wird, wenn sie auch zu den Erwachsenen zählen!?

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